stephan waldscheidt, schriftsteller

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Schreib den verd... Roman!
Die simple Kunst, einen Bestseller zu verfassen


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Cover Schreib den verd... Roman! (c) Uschtrin-Verlag

Leseprobe

»Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung stiften.«

(Günter Grass, Die Blechtrommel)

Charaktere sind auch nur Menschen

Die Charaktere, die Figuren, die Personen, so liest man allerorten, seien das, was einen verdammten Roman ausmacht. Viele Autoren begehen hier den entscheidenden Fehler: Sie gestalten ihre Figuren zu stark, zu tiefgründig und unverwechselbar - mit dem Ergebnis, dass sich einhundert Jahre später jeder noch an, sagen wir, Don Quichotte erinnert, aber kein Cochino noch an Cervantes. Wer das ist? Sehen Sie! Aber mal unter uns Egozentrikern: Ist es Ihnen lieber, wenn statt Ihnen irgendwelche nicht-existenten, idiotischen Schöpfungen Ihrer Phantasie berühmt werden? Na also.

Merke: Der Schriftsteller sei stets bemerkenswerter als seine Schöpfungen!

Wer das berücksichtigt, hat die Gefahr noch keineswegs umschifft. Ein zweiter Fehler lauert wie ein Kern in scheinbar entsteinten Trockenpflaumen: Die Charaktere sind jetzt zwar relativ uninteressant, dennoch erleben sie noch immer aufregendere Dinge als die Leser. Der durchschnittliche Leser führt ein durch und durch schnittliches Leben, mit anderen Worten: Gähnende Langweile ist sein täglich Mischbrot. Was aber bindet den Leser stärker an Ihren verdammten Roman als alles andere? Richtig: Identifikation. Der Leser will sich identifizieren. Ist sein Leben ohne Höhe- und Tiefpunkte, muss auch das des Helden flach sein wie ein Salzsee.

Merke: Der Romanheld erlebe nichts, was nicht auch der Leser Tag für Tag erlebt!

Charaktere sollten erst dann von Ihnen geschaffen werden, wenn alles andere steht. Der größte Autor aller Zeiten hat es Ihnen vorgemacht: Gott hat zuerst die Welt geschaffen, die Szenerie, das ganze Drumherum, bevor er am Ende den Menschen hineinsetzte. Und Sein Vorgehen werden Sie wohl kaum in Frage stellen.

Extra-Tipp: Sobald Sie Charaktere schaffen, verlangen diese so drängend nach einem Namen wie ein Vogeljunges nach halb verdauten Heuschrecken. Sie könnten selbst Namen erfinden (unökonomisch!) oder sie anderswo klauen (genau!). Ein unerschöpflicher Quell für ungewöhnliche Namen ist das Buch der Bücher. Nein, nicht Harry Potter, die Bibel! Das Buch Josua ist besonders zu empfehlen, vor allem die Kapitel 13 und ff., welches den bekannten Sinnspruch 'Wer Kirjath-Sepher schlägt, dem will ich meine Tochter Achsa zum Weibe geben' enthält.

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Uninteressante Figuren - So ist das Leben eben

Hölzerne Charaktere seien das Schlimmste, was einem Roman passieren kann. Unsinn. Gegenbeispiel gefällig? Pinocchio, einer der erfolgreichsten Romancharaktere überhaupt. Oder Käptn Ahab aus Moby Dick. Der hatte immerhin ein Holzbein. Das Bein sei aus Walfischknochen, sagen Sie? Waren Sie vielleicht dabei oder weshalb spielen Sie sich hier so auf? Außerdem geht es mir ums Prinzip.

Merke: Wenn ein Leser Sie eines Fehlers überführt, antworten Sie: Mir ging es allein ums Prinzip.

Sorgen Sie dafür, dass Ihre Figuren uninteressant sind. So ist das Leben eben, Helden gibt es in Filmen aus Hollywood oder bei den alten Griechen. Der Leser sucht nach Authentizität. Geben Sie ihm, wonach er verlangt. Schließlich ist er es, der einmal Ihren kostspieligen Lebensstil finanzieren soll. Authentische Figuren sind schwache Figuren, sind Langweiler, sind Loser, für die sich keiner interessiert, für die sich auf der Straße nicht einmal ein blasenschwacher Chihuahua umdrehen würde, um sie anzupinkeln. Das sind Ihre Figuren!

Wenn Sie Ihre Hauptfigur zu einem Loser machen, so machen Sie ihn zu einem kleinen, unbedeutenden Loser. Auch Scheitern hat etwas unangenehm Heldenhaftes, wenn es nur auf grandiose Art und Weise geschieht.

Merke: Der Leser darf sich Ihren Helden niemals unterlegen fühlen.

Achten Sie darauf, dass Sie Ihre Figuren nicht kennen lernen. Was man kennt, dem ist man nahe und - die unbedingt zu vermeidende Folge - dem kann man nichts Böses antun. Ihre Figuren leiden zu lassen, mag aber exakt das sein, was Ihre Geschichte, Ihre Leser oder Ihr Vermögensberater von Ihnen erwarten.

Je weniger Sie von Ihren Figuren wissen, desto besser. Dann wird es den Figuren auch eher gelingen, Sie zu überraschen - und damit den Leser. Während andere Autoren noch an der Biografie ihrer Charaktere meißeln, schnitzen Sie bereits an der Fortsetzung der Fortsetzung Ihres verdammten Romans.

Merke: Die fremdesten Figuren finden Sie in der Fremdenlegion, in der Fremde sowie im Pfälzer Wald.

Fangen Sie nicht an, Ihre Figuren umständlich über Szenen und Handlungen zu charakterisieren und beschreiben Sie einfach, wie und was sie sind: Bertram ist einsachtzig und Buchhalter. Gehen Sie dabei nicht ins Detail. Das lenkt den Leser von Ihrer Story ab und führt dazu, dass er den Roman vor lauter Details nicht mehr sieht. Details erzeugen nur eine peinliche Nähe zu den Figuren. Der Leser muss das Buch bereits in seinen 50 bis 100 cm engen Intimbereich lassen, um es überhaupt lesen zu können; wenn sich ihm jetzt noch die Charaktere aufdrängen, wird er es wegschmeißen und schreiend davonrennen.

Merke: Selbst Leser, die kein Intimleben haben, haben eine Intimsphäre.

Am besten verzichten Sie ganz auf eine Charakterisierung. Wenn Sie beispielsweise schreiben, Bertram sei einsachtzig, können sich alle Menschen, die kleiner oder größer sind als Bertram, nicht mehr mit ihm identifizieren. So verprellen Sie einen bedeutenden Teil Ihrer Leserschaft. Ergänzen Sie dann noch, er sei Buchhalter, schrumpft die identifikationsfähige Lesermasse auf eine Handvoll - zu wenig, aus Ihrem Buch auch nur einen Einigermaßenseller zu machen.

Ein möglicher Ausweg wäre, die Figur so zu beschreiben: Bertram ist zwischen einsvierzig und zweizehn groß und arbeitet möglicherweise in einem Büro oder Lager, vielleicht aber auch draußen oder auf hoher See, eventuell auch unter Tage. Dennoch fehlen Ihnen auf diese Weise noch immer die Frauen, die Liliputaner und die Arbeitslosen, während Sie sich die arbeitslosen Liliputanerinnen ziemlich sicher zu Feinden machen. Am besten, Sie lassen die Charakterisierung weg.

Natürlich wäre darüber nachzudenken, auch den Namen der Figur wegzulassen, weil alle Nicht-Bertrame sonst in Identifikationsschwierigkeiten geraten. Das mögliche Er als Ersatz schlösse dann jedoch die Frauen und Transsexuellen sowie die Zweigeschlechtlichen aus, kann folglich nicht befriedigen. Ihnen bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder trauen Sie Ihren Lesern ein Mindestmaß an Intelligenz zu oder Sie lassen die Charaktere weg (siehe auch die Kapitel über Nebenfiguren und Platzhalter). Es ist Ihre Entscheidung. Bedenken Sie dabei jedoch Lichtenbergs Satz: Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.

Merke: Die Verwendung von Charakteren ist riskant.

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(c) Stephan Waldscheidt 1997-2010

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