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Texte




Ex-Promis 
als 
Lachsfutter
 
(Satire) 

 
 


Endlich keine Kopfschmerzen mehr: Ex-Promis als Lachsfutter

 


Der schottische Zuchtlachs McFloss ist belastet. Keineswegs nur mit frühkindlichen Traumata - wenngleich das auch bei Lachsen in freiem Wildwasser verständlich wäre: die Mutter legt die Eier ab und verendet dann. Auch McFloss hat seine Mutter nie kennen gelernt.

Aber für uns Konsumenten, die wir uns noch nie um das Wohlergehen unserer Nahrungstiere interessiert haben, ist eine andere Belastung bedrohlich: die mit Dioxinen und PCB. So hoch ist das Gift in manchem Fisch dosiert, dass man pro Monat nur mehr eine halbe Portion essen sollte, gerade mal 55 g.

Da ich gerne Lachs esse und gerne spare, habe auch ich den billigen Zuchtlachs gekauft und in großen Mengen an mich verfüttert. Das belastet mich, das kann einem schon Kopfschmerzen bereiten. Mein erster Gedanke: darauf erst einmal ein Aspirin. Dann las ich, dass auch Aspirin gar nicht so gesund ist, wie immer alle tun. Bauchspeicheldrüsenkrebs heißt das neue und furchterregend lange Angstwort.

Also weg hier, weit weg und fort von diesen Problemen, zum Beispiel in den Dschungel. Dort gibt es weder Lachse noch Aspirin, nicht einmal Weiden, aus deren Rinde der Aspirin-Wirkstoff seinerzeit gewonnen wurde. Gesagt, getan.

Als ich so durch den Dschungel stapfe, mir die Hitze und die Insekten Kopfweh bereiten und ich in jede Pfütze schiele, ob ich nicht doch die zarte Rückenflosse eines unbelasteten Dschungellachses sehe, rammt mich plötzlich Daniel Küblböck. Er grinst und zückt schon eine Autogrammkarte, doch ich gehe weiter, als hätte ich ihn nicht bemerkt, nur um hinter dem nächsten Affenbrotbaum auf Costa Cordalis zu treffen. Bevor er mir eine Autogrammkarte und ein Lied hinterher werfen kann, klettere ich an der nächsten Liane hoch und aus seiner Reichweite.

Oben im Blätterdach fühle ich mich direkt wohler. Ich nicke einem kopulierenden Bonobo-Pärchen zu, pflücke eine Orchidee und trete in einen Haufen Faultierkot, den ich routinemäßig nach Lachsgräten durchsuche, als mich etwas packt und in eine Baumhöhle zerrt.

'Ich Susann Stahnke. Du Tarzan?'

Dann weiß ich nichts mehr.

Der Rest ist schnell erzählt. Nachdem ich mir in einer brackigen Sumpf die Reste von Susann Stahnke abgewaschen hatte (und vergeblich nach Lachsen Ausschau hielt), baute ich mir ein Floß und paddelte zurück nach Deutschland. Für den Weg brauchte ich glücklicherweise so lange, dass die TV-Serie mit den Pseudo-Promis im Dschungel wegen schlechter Einschaltquoten längst eingestellt war. Daheim futterte ich als erstes eine Großpackung Zuchtlachs und spülte sie mit zwei Gläsern Aspirin plus C hinunter.

Ich frage mich, ob all die Ex-Promis auch von ihren Müttern verlassen wurden. Ich könnte sie verstehen. Die Mütter. Ich schlage vor: Werft alle Promis in die Meerwasserfischzuchtbecken auf den Faröer-Inseln. Da können sich die Lachse mal so richtig satt dran futtern. Selbst Costa Cordalis ist gesünder als Dioxin.

Außerdem will George Bush ein Dorf auf dem Mond bauen. Ich entscheide mich, das nicht zu kommentieren. Es gibt Dinge, gegen die hilft keine noch so hohe Dosis Aspirin. An US-amerikanischen Grenzen wird ab sofort fleißig fotografiert. Fürs Visum. So interessiert zeigten sich die Amerikaner noch nie an Bürgern anderer Staaten. Dabei hoffen sie, hinter jedem Gesicht das Antlitz des Bösen zu finden. Mit der richtigen Dosis Verfolgungswahn in den Augenvenen sieht jeder aus wie ein Schurke. Schade eigentlich, dass wir Deutschen wie die übrigen EU-Bürger nicht fotografiert werden. Denn bei den sinkenden Preisen im Billigflugramschladen wäre eine Reihe Passbilder vom Automaten am Bahnhof Hamburg-Altona bald teurer als ein Flugticket in die Staaten - und ein Andenken hätte man bei letzterem auch schon.

Schlange gestanden wird überall, ob vorm Passbildautomaten oder bei der Einreise in die USA. Nicht mehr gestattet sein soll es jetzt im Flugzeug. So verbietet die US-Verkehrssicherheitsbehörde TSA ab sofort, Passagieren der australischen Linie Qantas , sich vor Waschräumen oder sonstwo im Flugzeug zu versammeln, sprich: anzustehen (Spiegel Online vom 7.1.04). Bei der Vorstellung der Konsequenzen fallen einem ohne Mühe reichlich skurrile Situationen ein. Handzeichen geben, wie in der Schule? ('Frau Stewardess, darf ich mal raus?' - 'Aber nicht schon wieder rauchen, Herr Minister.') Nachttöpfe bei der Crew bestellen? Katheter legen? (Vor dem Start. Die Stewardess, mit Schwimmweste, erklärt, wie es geht: 'Bei Druckanstieg fallen aus der Decke automatisch verschließbare Plastikbeutel.')

Vielleicht war es nur ein Spaß der Amerikaner, um die ganze Angst vor Terroristen ein wenig aufzulockern. Falls es Ernst war, sei ein neidischer Blick auf die Pinguine gestattet. Diese Vögel, so berichtet Bild der Wissenschaft vom 8.1.04, entleeren ihre Därme mit gewaltigem Druck über eine nicht unerhebliche Distanz von immerhin 40 cm, um die Sauberkeit von Gefieder und Nest aufrecht zu erhalten.

Orientierten sich die Menschen an den gefiederten Frackträgern, müsste demnächst kein Flugpassagier mehr aufstehen, um eine gefährliche Schlange (man weiß ja, Schlangen ist von jeher nicht zu trauen) zu bilden. Die Folge ballaststoffreicher Ernährung ließe sich auch remote, wie es neudeutsch und in diesem Fall weniger unappetitlich heißt, entsorgen. Fehlt nur der erforderliche Druck, der bei Pinguinen vier mal so hoch ist wie beim Menschen. Aber wenn man lange genug ansteht, sollte sich ein solcher Druck durchaus aufbauen lassen, die Strecke von Australien nach den USA ist lang.

Und die Gesichter der Anstehenden wären ein schönes Motiv fürs Visum.

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Erstveröffentlichung © 9. Oktober 2004 SW

 
 

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