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Texte



Stuhlgang 
in Moll
 
(Satire) 

 
 


Stuhlgang in Moll

 


Kolumnen über Toilettenpapier werde gerne gelesen, aber nicht gerne gesehen. Das Schreiben ist ein Slalom um Fettnäpfchen, unfreiwillige Sprachwitze unter die Gürtellinie und peinliche Kalauer. Dennoch müssen sie manchmal sein, es ist wie der Drang ... schon hängt man an einer Slalomstange. Am besten, man schreibt beherzt ins kalte Wasser.

Derzeit haben wir im Klo Zewa Moll aufgelegt. Es war ein Notkauf, da unser Stammpapier ausverkauft war. Die Frage, ob ein Darmvirus in der näheren Umgebung des Supermarktes grassiere, schlug die Frau an der Kasse mit einem dieser freundlichen, aber verständnislosen Lächeln nieder, wie man sie im Einzelhandel häufig antrifft. So ist meine Erfahrung, dass etwa Bäckereifachverkäuferinnen keinen Spaß und schon gar keinen Wortwitz verstehen, wie nette Menschen sie auch sein mögen. Vielleicht liegt es daran, dass ihr Gehirn mit dem verarbeiten der eigenen, unnötig komplizierten Berufsbezeichnung nicht zu Rande kommt.

Zewa Moll war also ein Notkauf. Aber was kann mit einem dreilagigen Klopapier schon falsch machen? (Nur am Rande: Die Rechtschreibprüfung von Word kennt das Wort dreilagig nicht, ein Indiz dafür, dass außerhalb der Marketingabteilungen der Papierhersteller wenig über Toilettenpapier geschrieben wird.)

Rein äußerlich ist an Zewa Moll kein Makel, im Gegenteil: das Papier bietet einen höheren Unterhaltungswert als unser reinweißes Stammpapier. So tummeln sich auf den einzelnen, weißen Blättern neben dem Namenszug und dem Firmenlogo allerhand Dinge. Wolken sind zu sehen, klassische Schönwetter-Kumuli, die stets zu dritt auftauchen wie eine Kernfamilie von Schäfchen, es gibt Delfine, die sich eher weniger erfolgreich an einem Lächeln versuchen, da sind Seesterne und Korallen - ich vermute, es sind Korallen, auch wenn die einfache Zeichnung an eine Mischung aus Gekröse und Blumenkohl denken lässt - und Moll(!)usken, eine Art fetter Quallen, die im Weiß schweben. Das Thema ist eindeutig maritim. Warum? Was verbindet das Meer mit Klopapier außer dem Umstand, dass der Zellstoff eines großen Teils des Papiers irgendwann ins Meer geschwemmt wird?

Vermutlich haben hochdotierte Marktforscher bei den Konsumenten (gebraucht oder verbraucht man Klopapier?) eine Assoziationskette zu Sauberkeit herstellen lassen. Hätte man mich gefragt, hätte man eine Packung Persil abbilden müssen, eine Badewanne und eine Autowaschanlage. Stattdessen entschied Zewa sich für fette Mollusken. Das muss man als Konsument akzeptieren oder sich für ein anderes Papier entscheiden. Wenn das nicht gerade ausverkauft ist.

Was mich stört an der Assoziation, ist das schiefe Bild. Gerade durch die Nutzung des Klopapiers wird das, was als Sinnbild für Sauberkeit herhalten muss, nachhaltig verschmutzt. Delfine ersticken, Seesterne verenden in klebrigem Sand und werden von Dreijährigen stolz eingesammelt, Korallenriffe sterben unter Algenteppichen - nur den Mollusken weint wohl niemand eine Träne nach. Ob der Name des Papiers über die Tonart gewählt wurde, in der die ein solches Massensterben begleitende Musik geschrieben würde: Moll?

Wenn ich auf dem Klo sitze, möchte ich nicht an Delfinkadaver denken müssen, ich will meine Ruhe haben. Was ich will, ist weißes Klopapier. Strahlendes Weiß. Das verbinde ich mit Sauberkeit. Und Sonnenscheinlieder in Dur.

PS: Ein Blick auf die Website von Zewa hat mich darüber belehrt, dass es Zewa Moll 'jetzt mit lustigen Tiermotiven!' gibt. Vielleicht ist ja, rein assoziativ, ein Waschbär dabei.

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Erstveröffentlichung © 10. Oktober 2004 SW

 
 

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