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Stringtheorien 
(Satire) 

 
 


Stringtheorien

 



Gestern habe ich beim Saubermachen aus Versehen ein Höschen meiner Frau aufgesaugt. Ja, sicher, die Staubsauger werden immer leistungsfähiger, und ein Nachbar hat kürzlich eine Unterschriftenaktion gegen einen anderen Nachbarn angestrengt, weil der mit seinem Industriestaubsauger jeden Tag stundenlang für Lärm sauge. Vielleicht sind ihm einfach nur die Müllgebühren zu hoch. Staubsaugerbeutel kann man ja einfach in den Wind schütteln. Vielleicht hat der Nachbar meines Nachbarn auch nur einen langhaarigen Hund und eine langhaarige Frau. Oder er hatte eine tote Frau ... aber zurück zum Thema: dem Höschen.

Wir besitzen keinen besonders starken Staubsauger, das winzige Höschen ist das Problem, ein sogenannter String. Früher hießen die Dinger String-Tanga, aber die Stücke wurden kleiner und kleiner, und schließlich blieb nichts mehr übrig vom Tanga als ein Faden, ein String eben. Um dieses Nichts ranken sich inzwischen die verschiedensten Theorien, von denen ich die drei populärsten kurz vorstellen möchte:

String
Abb.: Der String: Keine SSL mehr, gerät dafür aber leicht in Vergessenheit - oder in den Staubsauger

Stringtheorie I

Ursache für die Verbreitung der Verschmälerung sind weniger die modisch engen Hosen als der Wunsch der von Werbung und Medien verwirrten Frau, perfekt und sexy auszusehen. Da stört selbst eine sichtbare Sliplinie, die sogenannte SSL. Wie so häufig in Fragen der Attraktivität setzen Frauen andere Schwerpunkte als Männer. Männer nämlich finden die SSL höchst attraktiv, lassen sie diese Linien unter der Hose doch aufs Köstlichste über das spekulieren, was die Linien hervorruft: süße Baumwollslips mit Herzen und Bären, zarteste Seidenwäsche oder gefährliche Spitzenhöschen? Ohne SSL, so hofft die moderne Frau, würde der Mann darüber rätseln, ob die Trägerin eine Nichtträgerin ist, also unter der Oberbekleidung nackt herumläuft. Tatsächlich aber vergessen die meisten Männer ohne die unaufdringliche Erinnerung durch die SSL, dass es überhaupt so etwas wie Unterwäsche gibt.

Will frau das wirklich?

Stringtheorie II

Seit gut zwanzig Jahren beherrscht eine Theorie die Physik auf der Suche nach der Weltformel. In dieser sogenannten Stringtheorie geht man davon aus, dass sich alles im Universum aus winzigen vieldimensionalen Fäden, Strings eben, zusammensetzt. Mit anderen Worten: das Universum besteht aus sexy Unterwäsche, und sogar das Bottom-Quark trägt Tanga. Nicht die schlechteste Theorie und sicher ein Grund, Atome künftig mit ganz anderen Augen zu sehen.

Stringtheorie III

Die Mode bei Badebekleidung und Unterwäsche weist im Lauf der Zeit eine bemerkenswerte Parallele zu den Kaffeetrinkgewohnheiten ihrer Trägerinnen in Strandcafés auf. Benötigte man in den Fünfzigern zur Aufbewahrung eines Badeanzugs noch ein ausgewachsenes Kaffeekännchen, passte der Bikini der Achtziger schon in eine Kaffeetasse. Heute, für einen String, genügt eine kleine Espressotasse. Kaffee und Bademode? Ich sage nur: Brasilien (Copa Cabana und Kaffeeanbau)! Wo sich das aktuelle Kaffeetrendgetränk Latte Macchiato einordnet oder ob es bereits die nächste Mode ankündigt, bleibt abzuwarten.

Fazit: String - ganz praktisch

Welche der Theorien auch immer die richtige ist: Ich habe einen String meiner Frau eingesaugt. Ich werde ihr sagen, dass unser Kater Guisbert ihn bei der Jagd nach Wollmäusen aus Versehen verschluckt hat. Jetzt muss ich nur noch aufpassen, dass sie nicht denkt, Guisbert hätte einen Bandwurm.

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Erstveröffentlichung © 5. Dezember 2004 SW

 
 

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