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Texte



Models, aufgepäppelt 
(Satire) 

 
 


Deutschland päppelt Models auf

 



Deutschland sucht die dünnste Deern heißt das aktuelle Erfolgsformat mit Heidi Klum auf Prolo7. Das Erfolgsformat für junge Frauen ist, von vorne betrachtet, markant hübsch, von hinten eher knabenhaft und von der Seite betrachtet: nichts. Also zweidimensional und somit ideal für Film, Fernsehen und Porno-, Verzeihung, Fotografie. Jede Dimension mehr wäre ja überflüssig und müsste gefüttert werden. Aber ich wollte nicht lästern, Spott ist billig, das weiß auch der Deutsche Schnäppchenjäger, ein Herz zu haben, kostet da schon etwas mehr. Aber wenn ihm das Herze überläuft, da kennt der Deutsche nichts, da muss er das überschüssige Geld (ja, Sie Romantiker, die Zeiten, als Herzen voller Blut waren, sind seit langem vorbei) irgendwie loswerden.

Also päppelt er Models auf.

Selbst Beckmann (oder war es Kerner, ich kann die beiden nicht auseinanderhalten, aber das kann selbst ihre Mutter nicht), der Heidi Klum ins Kreuzverhör nahm, insistierte: 'Gibst du deinen Models auch genug zu essen?' Nun mag es unterschiedliche Definitionen geben, was 'genug' in diesem Zusammenhang bedeutet: Genug, damit ein Pottwal Speckvorräte für seine Zeit in der Antarktis anlegen kann? Oder genug, um einen Wellensittich auf seiner Stange zu halten? Ich möchte mich hier nicht als moralische Instanz aufspielen (nein, heute mal nicht), ich möchte einfach nur dokumentieren, was jeder herzliche Deutsche [Da fällt mir das mit der ersten Transplantation eines warmen Herzens ein. Haben Sie das gesehen diese Woche? Das Herz lag da in seinem Glaskasten im OP - und es schlug! Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob ich die heute-Nachrichten gesehen habe oder Frankenstein, Reloaded.], was also jeder herzliche Deutsche tun muss: Sich um die Models sorgen und ihnen Geld spenden, damit Heidi nach der Show mal zünftig mit ihnen zur nächsten Pommesbude gehen kann, eine Currywurst und ein Sixpack Bier haben noch jede Bulimie geheilt, jawoll.

Und wenn die Models sich an das leckere Essen gewöhnen und dann so zunehmen, dass sie keinen Werbevertrag mehr bekommen und wir keine Werbung und keine modischen Klamotten mehr? Kein Problem, wir exportieren einfach ein paar junge Mädels aus dem Sudan oder dem Kongo. Die haben nicht nur den Vorteil, dass sie so richtig schön dünn sind, nein, die können auch nichts mehr essen, weil ihre Mägen aufgrund des dauernden Hungers zu Erbsengröße geschrumpft sind. Auch Drogen sind kein Problem, denn die afrikanischen Hungermädels sind ja schon so schwach, dass eine Nase Koks sie sofort umbringen würde. Und da sie in jedem Fall schnell wegsterben, bekommt der Konsument auch schnell wieder ein neues Gesicht, immer dieselben Model ansehen, das kann man uns ja jetzt wirklich nicht zumuten, schlimm genug, wenn wir jeden Morgen neben derselben Frau aufwachen oder unter demselben Mann. Ja, die Modebranche ist hart, aber der Markt, meine lieben Freunde, der Markt will es nun einmal so haben, und wer wären wir, dass wir dem Markt widersprächen.

Schade, dass wir es dann doch nicht so machen können. Bevor wir zulassen, dass irgendwelche dünnen Senegalesinnen unseren angehenden Top-Models (übrigens: Das Ende eines Top-Models kündigt sich oft dadurch an, dass es sein Top ablegt) die Jobs wegnehmen, sollten wir lieber unser gutes Herz besänftigen und unsere Models so dünn lassen, wie sie nun einmal sind. Die überschüssigen Gelder können wir ja dann nach Afrika schicken: Mästen wir lieber die Afrikaner, damit sie unseren schlanken Mädels nicht die Jobs wegnehmen.

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Erstveröffentlichung © SW 2006

 
 

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