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Grauentausch 
(Satire) 

 
 


Grauentausch

 



Im Fernsehen wird derzeit wild getauscht: ob Frauen, Familien, Ferien oder Fernsehmoderatoren, alles, was man mal für eine Weile nicht sehen möchte, wird man los (nicht zu verwechseln mit ebay). Ex-Promis schickt RTL sogar einfach in den Dschungel, ohne dafür im Gegenzug aussterbende Warzenschweine oder verhungernde AIDS-Babys aufnehmen zu müssen. Zur Entschuldigung für den Sender sei zugegeben, dass die Übernahme der Verantwortung für eine solche Sendung wohl mindestens ebenso schwer wiegt.

Dass den Tauschwilligen dabei Millionen (so die Programmchefs der verantwortlichen Sender) zuschauen, stört heute keinen mehr, im Gegenteil: es segnet den Tausch etwa der Ehefrau noch ab. Für den normalen Gelegenheitsgläubigen hat das den Stellenwert wie für einen Katholiken den vom Papst persönlich abgesegneten Ehebruch.

Ernüchterung folgt, wenn man die auf Zeit eingetauschten Sachen tatsächlich wieder rausrücken muss. Statt des erhofften 'so wie es ist, ist es doch am schönsten' stellt sich die unerwartete Erkenntnis ein, dass es durchaus Alternativen gibt, die - Gewöhnung lass nach! - sogar attraktiver sein können als das alt hin- und dann leider wieder hergebrachte.


Abb.: Ein Promi im Dschungel. Abbildung unscharf, da der Mensch in einer menschenunwürdigen Szene gezeigt wird: Der Affe (oben links) bewirft den Promi mit Affenkot.

Überlegt man, was der Deutsche am dringlichsten los werden möchte, fällt einem sofort die deutsche Sprache ein. Was für einen Ärger hat sie uns nicht allein in diesem Jahr schon bereitet mit der Diskussion über die Rücknahme der Rücknahme der Rücknahme der Rücknahme der (Zack! Danke!) Rechtschreibreform. Und davor? Die Reform an sich. Scheußlich. Und davor? Deutschunterricht. Eine Folter. Ja, den Deutschunterricht soll es auch heute noch geben, doch wer die PISA-Ergebnisse studiert, hegt daran so seine Zweifel. Dann die invasive Einwanderung der Anglizismen! Sogar ohne Greencard (da war schon wieder einer). Der Bedeutungsverlust der deutschen Sprache in der Welt. Undsoweiterundsofort.

Wer also tauscht seine Sprache gegen unsere, im Fernsehen, für eine Weile? Der US-Amerikaner? Vielen, insbesondere jüngeren, Deutschen käme das zupass - die Amerikaner jedoch würden uns bei diesem Ansinnen sofort zum Schurkenstaat ernennen und den heiligen Krieg gegen uns ausrufen. Nein, es sollte da schon eine gewisse erzieherische Note mit hineinspielen. Man dürfte es uns nicht zu einfach machen. Schließlich geht es getreu des Bildungsauftrages der angeschossenen (sic!) Rundfunkanstalten - denn nur die dürften diese Tauschsendung im Wechsel mit dem ZDF ausstrahlen - darum, den Deutschen die Liebe seiner Sprache ebenso behutsam wie nachhaltig einzustopfen. Zur Auswahl stehen finnisch, baskisch und japanisch.

Nach einem halben Tag finnisch bricht in Deutschland die Infrastruktur (Verkehr, Versorgung mit Strom, Wasser und Schnaps) zusammen. Nach einem Tag baskisch melden 50% der deutschen Betriebe, aber nur zwei Prozent der Hersteller von Sprengstoff und Baskenmützen Konkurs an. Drei Tagen japanisch, und die ersten Beziehungen und Freundschaften gehen auseinander, drei Wochen, und Bürgerkrieg tobt: Kollektives Harakiri!

Dies ist ein guter Zeitpunkt, um den Tausch rückgängig zu machen. Mit der Ausstrahlung der Sendung müssen ARD und ZDF jedoch drei Jahre warten, bis in Deutschland wieder Ruhe eingekehrt ist. Die Ruhe ist tief, denn die Deutschen verehren jetzt jedes Wort ihrer Sprache und gehen sorgfältig damit um. Es wird nur das Nötigste geredet, und das ist nicht viel.

Ein steiniger Weg? Für unsere Sprache sollte uns nichts zu teuer sein. Selbst das öff.rechtl. Fernsehen nicht, das jetzt wieder die Gebühren erhöht, damit es sich leisten kann, auf das Niveau von uns Zuschauern zu sinken.

PS: Ich habe vor einer Woche mit meinem Nachbarn den Fernseher getauscht. In seinem läuft auch nur Mist.

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Erstveröffentlichung © 18. Oktober 2004 SW

 
 

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