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Texte



Mein Vater ... 

 
 


Mein Vater in der falschen Wohnung 

 


Er ist abgereist, sagte meine Mutter.

Warum?, fragte ich.

Frag nicht, sagte meine Mutter. Geh ins Bett und bring mir vorher noch ein Stück von dem Marmorkuchen.

Abgereist, dachte ich, als ich im Bett lag und mir aus meinem Stuhl mit den Kleidern ein Monster mit Buckel und Hörnern zusammenphantasierte. Wenn einer abreist, muss er irgendwo auch wieder ankommen. Abgereist und angereist, das gehört zusammen.

Aber vielleicht gehörte es doch nicht zusammen. Meine Mutter und meinen Vater hatte ich mir auch immer als zwei Menschen vorgestellt, die zusammengehörten.

Ich stellte mir vor, dass mein Vater irgendwo anreiste, in diesem Augenblick an einem Bahnhof ankam, einer großen Halle mit eisernen Bögen wie in Frankfurt, mit einer großen Uhr und Werbetafeln, mit Stimmen aus Blecheimern und Zugbremsen, die so laut quietschten, dass es mir in den Ohren wehtat. Dort wartete schon jemand auf ihn. Ich stellte mir die Person vor, eine Frau, und wie in einem Film ging ich mit meiner Vorstellung näher an die Frau heran, die da auf dem Bahnsteig stand, eine Hand in der Manteltasche, die andere fummelte in ihren langen Haaren. Die Frau sah genau aus wie meine Mutter, ein bisschen jünger vielleicht. Mein Vater bemerkte sie nicht gleich, als er ausstieg, aber sie winkte ihm, den Arm ganz ausgestreckt, die Hand drehte sich im Gelenk, als wollte sie eine Glühbirne einschrauben. Endlich sah er sie und sie gingen aufeinander zu. Er war nicht überrascht. Sie küssten sich. Genau so hatten meine Mutter und mein Vater sich früher geküsst, sie auf den Zehenspitzen, weil mein Vater viel größer ist, und er die Hände unter ihren Achseln, als wenn er sie hochheben wollte.

Ich stellte mir vor, wie sie zusammen nach Hause fuhren, zu der Frau, die aussah wie meine Mutter und auch so winkte und auch so küsste. Ich stellte mir vor, wie sie zusammen im Treppenhaus standen, und ich stellte mir die Tür vor. Ich erschrak, denn die Tür sah genau aus wie unsere Tür hier, grau, die Streifen des Pinsels deutlich zu sehen, das Schloss und der Knauf mit Goldfarbe gestrichen, in der sich die Kratzer zeigten, die der suchende Schlüssel hinterlassen hatte. Bei uns zu Hause war mein Vater schuld daran, weil er oft spät nachts heimkam und das Schloss nicht rechtzeitig fand, bevor das Licht im Treppenhaus ausging. Über was ich aber am meisten erschrak, war der Anblick des Jungen, der auf der anderen Seite der Tür in diesem Augenblick durch den Spion schaute, auf Zehenspitzen stand er und sah dabei ein wenig aus wie die Frau, die auf Zehenspitzen meinen Vater geküsst hatte. Vielleicht sah auch der Junge ein bisschen jünger aus als ich heute. Ich stellte mir vor, dass er aussah wie ich zu der Zeit, als meine Mutter und mein Vater sich noch geküsst hatten.

Das bin nicht ich, rief ich meinem Vater still zu, bevor die Frau die Tür aufsperrte, der sieht nur so aus wie ich. Aber mein Vater konnte mich nicht hören. Ob er vielleicht gar nicht weiß, dass er vor der falschen Wohnung steht, bei der falschen Frau und bei dem falschen Jungen?

Ich liege im Dunkeln und bete, er soll den Betrug durchschauen, da geht draußen die Wohnungstür auf. Ich höre meine Mutter, sie sagt etwas, und dann höre ich einen Mann etwas sagen, und ich denke, das muss mein Vater sein, er ist nicht abgereist, aber es ist eine andere Stimme, die falsche Stimme, und ich stehe auf und schleiche zu der Tür meines Zimmers, die einen Spalt breit offen steht, damit Licht herein kann und damit meine Mutter mich hört, wenn ich sie rufe, und ich spähe durch den Spalt und sehe meine Mutter und einen Mann an der Wohnungstür stehen, ich kenne den Mann nicht, er sieht nicht aus wie mein Vater, aber meine Mutter küsst ihn trotzdem, sie steht nicht auf den Zehenspitzen dabei und hat in der einen Hand noch den Teller mit dem Rest von dem Marmorkuchen, und der falsche Mann hat auch nicht seine Hände unter ihren Achselhöhlen, aber obwohl alles falsch ist, sieht der Kuss richtig aus, oder ist es nur, weil meine Mutter das glaubt, und ich stelle mir vor, wie jetzt irgendwo ein Junge in seinem Bett liegt, die Tür einen Spalt breit auf, damit Licht herein kann und damit seine Mutter ihn hört, wenn er sie ruft, und wie sich der Junge vorstellt, wie sein abgereister Vater gerade in eine falsche Wohnung hineingeht und eine falsche Frau küsst, die genau aussieht wie seine Mutter, vielleicht ein bisschen jünger, und wie er seinem Vater zuruft, das sei nicht seine Mutter, und wie der Junge sich mich vorstellt, und dann wünsche ich mir für den Jungen, dass es mich nicht gibt.

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Erschienen in der Ausgabe Nr. 35 der der österreichischen Literaturzeitschrift DUM im September 2005.


© 2005 SW

 
 

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