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Texte





Lesefrühstück 

 
 


Lesefrühstück:
Kartoffeln kontrollieren den Menschen
Flaue Brunst mit blauem Dunst


 


Kartoffeln kontrollieren den Menschen

'Kartoffeln kontrollieren den Menschen', lautete eine SPIEGEL-Überschrift vom 19. März 2002. Unser erster Gedanke: Quatsch. Unser zweiter Gedanke: Völliger Quatsch. Unser dritter Gedanke: Vielleicht ist doch etwas an der Behauptung dran. Also versuchen wir, streng wissenschaftlich, die Null-Hypothese zu falsifizieren, die da lautet: 'Kartoffeln kontrollieren den Menschen nicht'.

Wir erinnern uns.

Wer hätte es nicht schon gehört, jenes geheimnisvolle, ätherische Stimmchen, das uns im Supermarkt plötzlich anspricht? Es scheint ein Windhauch zu sein, der uns da ins Ohr fährt, der uns ruft, ein Zug von irgendwoher, unbestimmt und geisterhaft: 'Kauf mich!' Wir schauen uns um. Niemand da außer der dicken Frau, die bedrohlich weit vornüber gebeugt über der Eiscreme-Truhe hängt und dem gelangweilten Azubi, der, mit seiner Etikettierpistole bewaffnet, breitbeinig ein Duell mit dem Riesenosterhasen am Eingang der Süßwarenabteilung provozieren will. Niemand da. Und doch ... diese Stimme.

'Kauf mich!'

Wir wirbeln herum, doch auch hinter uns: niemand. Oder doch ... nur ein Regal, prall gefüllt mit Tüten voller ... Kartoffelchips.

'Kauf mich!'

Ja, von dort kommt die Stimme. Natürlich geben wir ihr nicht nach, wir wissen, Chips sind ungesund, zu viel Fett, zu viel Salz, viel zu scharf. Empört schon über den Gedanken, wenden wir uns hocherhobenen Hauptes ab und schieben unseren Einkaufwagen demonstrativ weiter zur Naturkostabteilung. Breit stellen wir uns auf vor den grünen Regalen mit den grünen Tüten und studieren die Liste der Inhaltsstoffe einer Packung Trockentofu mit Sauerampfer-Fenchel-Geschmack. Mit bedauerndem Blick - falls uns jemand zusieht - stellen wir sie zurück ins Regal, da streifen unsere Augen den Einkaufswagen und sehen ... eine Tüte Kartoffelchips, Extrascharf, knallrot glänzt die Folie, knallrot die aufgemalte Chilischote, knallrot werden auch wir. Es ist uns unerklärlich. Wie nur konnte die Tüte vom Regal in unseren Wagen ...? Haben wir sie etwa selbst hineingelegt, ohne uns jetzt daran erinnern zu können? Haben wir den demütigenden Moment unserer Niederlage einfach verdrängt?

Natürlich fahren wir schwungvoll zurück zur Knabbereiabteilung, schließlich wurde kein Fehler begangen, der nicht rückgängig zu machen wäre. Doch ehe wir es uns versehen, stehen wir schon an der Kasse und räumen unsere Einkäufe aufs Band. Die Kasse war näher als besagtes Chipsregal, natürlich, das muss es sein, und wo wir noch nachdenken, greift unsere Hand schon nach der roten Tüte und wirft sie aufs Band. Ein harter Wurf. Ein Vollendete-Tatsachen-Wurf. Wir können der Tüte nur noch nachsehen, wie sie langsam vom Band in die unermüdlichen Schaufelhände der Frau an der Kasse gefördert wird. Jetzt heißt es mutig sein. Wir wollen doch mal sehen! Ein einziger Ruf: 'Irrtum! Das sind nicht meine Chips!' und wir stünden als Held da, die Blicke all der Mütter ringsum, die ihre Kinder von den Impulskaufregalen wegzerren, würden sich auf uns richten und denken: 'Was für Gene! Das sollte der Vater meiner Kinder sein!'

Wir rufen nicht. Zum Dank tritt uns eines der Impulskaufkinder auf den Fuß. Und dann auf die Zehen, weil wir beim ersten Mal nicht laut genug geschrieen haben.

'Schreien Sie mein Kind nicht an, Sie Rüpel!'

Kein Gedanke an Fortpflanzung.

Schamhaft packen wir unsere Einkäufe ein, die Chips, Zeichen unserer Schwäche, Zeichen der Untauglichkeit unserer Gene, wandern nach ganz unten in die Tasche, als würden wir hoffen, die geballte Macht von Joghurtgläsern, Mineralwasserflaschen und 500 g Bauchspeck, gut abgehangen, könnte die Chips in ihrer Tüte zu etwas Kostbarerem, Gesünderem pressen, wenn nicht zu einem Diamanten, so doch vielleicht zu getrockneten Aprikosen oder Bananenchips, ungezuckert.

Bis wir zu Hause sind, haben wir die Niederlage bereits vergessen und auch den Grund dafür. Doch kaum packen wir unsere Einkäufe aus, prangt uns die Tüte unverschämt knallrot entgegen, ganz oben in der Tasche.

Der Mülleimer, denken wir, das ist die Lösung. Es wäre doch gelacht! Doch kaum packt unsere Linke das Unrecht in der Tüte, wispert eine wohlvertraute Stimme:

'Reiß mich auf!'

Wir tun es, ja, wir tun es ... aber nur, um den Müll sortengerecht zu entsorgen: die Tüte in den gelben Eimer, die Chips in den Bioeimer.

Sie wissen es besser: wir entsorgen nicht. Wir haben ein zu gutes Herz (würden die einen sagen) - wir sind zu dumm (die anderen). Wie verletzlich sie auf einmal sind, diese orangefarbenen Scheibchen, wie sie pulsieren vor Angst, hundert offene Herzen. Nein, nein, es ist keine Angst, es ist dieser lemminghafte Todeswunsch, und hundert winzige Stimmchen rufen:

'Iss mich!'

Doch jetzt ist es kein Säuseln mehr, kein unbestimmter Hauch: es ist ein Befehl. Und wir kommen ihm nach.

Die Kartoffeln kontrollieren den Menschen. Was zu beweisen war.

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Mehr noch als Kartoffeln kontrolliert ein anderes Gemüse den Menschen:

Tabak.

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Flaue Brunst mit blauem Dunst

Haben Sie einen Neffen, der raucht, und rauchen Sie selbst? Ja? Dann herzlichen Glückwunsch! Ihre Lebenserwartung ist damit praktisch ins Methusaleische gestiegen.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass jeder Raucher mindestens einen Verwandten ersten oder zweiten Grades in aufsteigender Linie besitzt, der, obwohl er sein Leben lang geraucht hat wie ein Schlot, ein Alter von mindesten 82 Jahren erreichen konnte. Auch kenne jeder Nichtraucher mindestens einen Raucher, der einen solchen Verwandten hat.

Doch das war gestern. In Zukunft werden die Raucher nicht mehr mit dem Alter ihrer rauchenden Anverwandten angeben, sondern sie werden mit der Zahl der Kinder wuchern: 'Mein Onkel hat sein ganzes Leben geraucht wie ein Schlot und trotzdem hat er sieben Kinder.'

Der Grund für diese umfassende Wandlung der Rechtfertigungsmechanismen der Raucher ist eine Studie, die bereits 2001 erschienen ist, die sich aber erst jetzt, schleichend wie Lungenkrebs, verbreitet.

Darin haben amerikanische Forscher belegt, dass Raucher ein bis zu 26-fach höheres Impotenzrisiko (Erektionsstörung oder Unfruchtbarkeit) haben als Nichtraucher - und selbst bei inzwischen geheilten Rauchern ist das Risiko noch immer 11 mal größer.

Das Lustige an der Sache aber wurde in der Studie noch gar nicht erwähnt: Dort geht man lediglich von einem körperlichen Risiko aus. Da aber Impotenz bekanntermaßen meist psychisch getrieben ist, steigt das Risiko bei Rauchern, die (über) diese Studie gelesen haben, noch einmal um den Faktor 10.

Kurzum: Ein Raucher, der von besagter Studie weiß, dürfte also überhaupt keinen mehr hochkriegen.

Liebe Raucher, bitte noch nicht gleich wegrennen und ausprobieren (falls Sie das mit Ihrem Raucherbein und Ihrer kaputten Lunge überhaupt können). Es geht noch weiter:

Richtig gut wird es, wenn man sich die Konsequenzen der neuen EU-Verordnung ansieht. Auf den Packungen steht neben allerlei Larifari wie 'Rauchen tötet' auch 'Rauchen macht impotent'. Das Aufreißen einer Frau wird fortan für einen Raucher weitaus schwieriger oder zumindest peinlicher. Wer wird es wagen, noch seine Zigaretten auf den Tisch zu legen, wo die sexy Blondine, die man gerne abschleppen möchte, den verräterischen Spruch auf der Packung lesen kann? Wer wird seiner Auserkorenen noch eine Zigarette direkt aus der Packung anbieten? Es geht so weit, dass jeder Raucher fürchten muss, überhaupt als Raucher erkannt zu werden.

Ein belauschtes Gespräch auf der Damentoilette:

'Ich glaube, meiner raucht, heimlich.'

'Nein, du Ärmste!'

Schlimm wird die Anmache für Raucher in der Disko. Eine andere Studie hat nämlich herausgefunden, dass aufputschende Musik die Leistungsfähigkeit von Frauen steigert ...

Die arg gebeutelte Zigarettenindustrie arbeitet schon an neuen Werbespots und Slogans, wie etwa diesem: 'Wenn's mal wieder nicht geklappt hat - freuen Sie sich umso mehr auf die Zigarette danach.'

Mein Ratschlag an alle Unverbesserlichen: Gehen Sie zum Automaten. Zigaretten kaufen. Vertrauen Sie auf die Statistik. Werden Sie Onkel oder Tante, dann klappt es auch mit den sieben Kindern. Und wozu gibt es schließlich Viagra?

Mein Ratschlag an alle Nichtraucher: Gehen Sie zum Automaten. Kondome kaufen. Irgendwer muss ja jetzt mit all den aufgeputschten, unbefriedigten Frauen fertig werden.

Ein Appell zum Schluss:

Raucher, geht regelmäßig zur Organspende! Mit dem Teer in euren Lungen wird endlich der überfällige Ausbau der A 38 zwischen Göttingen und Leipzig möglich.

Ich wünsche Ihnen einen rauchfreien Tag.

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Texte erstmals gelesen auf dem 4. Karlsruher Lesefrühstück am 4. Januar 2004.
Erstveröffentlichung © 2004 SW

 
 

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