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Glimmen im Rumpf 

 
 


Glimmen im Rumpf 

 



Der alte Mann tappte über das Marschland auf das Wrack zu. Ungerührt von der Tide beharrte es auf seinem Platz, ein störrisches Überbleibsel aus einer anderen Zeit, und markierte die Grenze zwischen Land und Meer.
Die Füße des alten Mannes suchten festen Boden und gingen doch wieder und wieder fehl. Fluchend zog er die vom Schlamm schweren Stiefel aus dem Land, verschnaufte kurz, tappte weiter. Zu seiner Rechten hockten Häuser auf ein paar Haufen dickeren Grases, die so nahe am Ufer als Hügel durchgingen, Schöpfe aus dem gleichen Gras hingen als traurige Dächer auf weiß getünchten Mauern. Dem alten Mann gefiel es hier so gut und so schlecht wie an jedem anderen Ort, von dem er in den letzten Jahren geflohen war, aber die Wolken sahen freundlich aus und er fand keinen Grund, heute noch weiterzuwandern.
Mit einem letzten, schmatzenden Schritt langte er am Wrack an und stützte sich erschöpft an den hölzernen Rumpf, der ihn trotz seiner Schräglage um mehr als einen Meter überragte.
Das Wrack lag auf der rechten Seite, steuerbord, soweit der alte Mann Bug und Heck in dieser Ruine unterscheiden konnte, es neigte sich dem Meer zu und drehte dem Ankömmling von den Marschen einen Teil des Kiels und eine offene Flanke zu. Fischgeruch und in der Sonne aufweichender Teer. In dem Loch, das groß genug war, ein Klavier hindurchzuschieben, saß eine Taube. Lange war es her, dass der alte Mann gespielt hatte, Arthritis plagte ihn seit Jahren, die Krankheit hatte ihn noch vor dem übrigen Unglück eingeholt.
Was, fragte er sich, konnte in diesem Meer ein solches Loch reißen, wo es keine Eisberge gab. Klippen?
Der alte Mann furzte. Er hoffte auf etwas zu beißen, das ihn auch Morgen furzen ließe, sein Vorrat an Tütensuppen war aufgebraucht. Er zischte die Taube weg, doch der Vogel hupfte nur ein paar Meter zur Seite.
'Dann bleib', sagte der alte Mann. 'Du wirst sehen, was du davon hast.' Er freute sich an seiner Stimme. Sie war in den Jahren zu einer eigenen Person geworden, einem Freund. Der Freund redete mehr als nötig, doch dem alten Mann war das nur Recht.
Er kletterte durch das Loch in einen fast zehn Meter langen und drei Meter tiefen Laderaum, der den größten Teil des Rumpfes einnahm. Drinnen stank es weniger, als er befürchtet hatte, der starke Fischgeruch ordnete sich einem warmem Moder unter, stickigem Holz und Teer, trockenem Taubendreck, süßlicher Rattenscheiße und kaltem Zigarettenrauch. In den meisten Heimen war es schlimmer.
Der alte Mann ließ den Rucksack von seinen Schultern gleiten und fand sich einen Schlafplatz inmitten der Haufen unbrauchbaren Holzes, in dessen Ritzen der Wind Papierfetzen und trockenes Gras gestopft hatte. Eine Nacht, dachte er, nur eine Nacht, aber als er sich in seinen Schlafsack schob und die Augen schloss gegen die späte Sommerhelligkeit, die durch verzogene Planken und das Klavierloch hereinfiel, und er das leichte Wiegen spürte, das dem Holz des unbewegten Schiffes von der See eingeprägt worden war, wusste er, er bliebe länger.

Das Gurren von Tauben weckte den alten Mann, gegen den Rumpf klappte Wasser. Er streckte sich und warf eine rostige Dose um, Kippen fielen heraus. Aufgeschreckt klatschten Flügel und ließen Staub und Federn im weichen Licht zurück. Noch zu schlaftrunken, sich die brauchbarsten der Kippen herauszuklauben, kroch er zur Öffnung im Rumpf und sah den grauen Wasserzungen dabei zu, wie sie über die Marschen schoben, das Kraut in eine Richtung und danach in die andere kämmten und sich zischelnd unter das Wrack verkrochen, um dann wieder vorzukommen, zehn Meter dort, drei Meter da, wie sie Pfützen zurückließen und Krebse und, ja, einen Seestern. Der alte Mann lag auf seinem vor Hunger rumorenden Bauch und schaute diesem Spiel zu, Bläschen platzten im Schaum am Rand der Brandung und eine Möwe fischte lustlos nach Fressbarem. Die Sonne drängte, noch unsichtbar, von hinter dem Dorf her, warf die Schatten der Häuser über Grün und Grau und Sand. Frisch gebohnert roch der Wind.
Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis der alte Mann sich aus seiner ungeschickten Lage und dem Schlafsack befreit hatte und auf den Beinen war, gerade noch rechtzeitig, um wenigstens nicht in den Schlafsack zu pinkeln. Seine Hose aber erwischte es, wieder einmal. Wenigstens gab es reichlich Wasser hier. Mit einer Mischung aus Gelassenheit und Scham, mit einer Mischung aus Ärger und Belustigung zog er die speckige Cordhose aus. Es war nicht das erste und es würde nicht das letzte Mal gewesen sein.
'Vorsichtig', sagte er. 'Vorsicht mit dem, was du von dir gibst.'
Seine ersten Male hatte er sämtlich hinter sich, doch alle Male konnten letzte Male sein. Er legte sich wieder in den Schlafsack, nackt von der Hüfte abwärts, während seine Hose und seine Unterhose an einem Balken hingen und trockneten, und bemühte sich, seinen Hunger zu vergessen. Manchmal half es gegen den Hunger, wenn er versuchte, sich einen runterzuholen. Es blieb schon seit einer Weile beim Versuchen, dennoch genoss er das Gefühl seines Gliedes in seiner Hand. Wie seine Stimme war auch sein Glied nur ein weiterer Freund, der mit ihm alt geworden war und mit dem man Erinnerungen teilte. Sie waren gewiss nicht sämtlich gut, und manche weigerten sich, selbst nach Jahren gut zu werden. Wie alt man auch wurde, nicht alles verklärte sich.
Aus dem Gekeife der Möwen wehten Stimmen zu ihm her, Lachen, und er wusste nicht, ob er sich bemerkbar machen oder weiter ins Innere des Wracks zurückkriechen sollte. Mit vor Mühe und Aufregung pfeifendem Atem schob er sich ein Stück zum Loch und spähte hinaus.
Drei Jungen, vielleicht vierzehn, vielleicht schon sechzehn, tappten und sprangen über Grasbüschel und Pfützen. Sie kamen näher, her zum Wrack. Vielleicht waren sie es, die sonst hier drin hockten und rauchten. Er wollte nicht, dass sie ihn im Schlafsack sahen, er würde hilflos aussehen, wie ein Opfer. Kaum aber hatte er begonnen, sich aus dem engen Sack zu winden, fiel ihm ein, dass er keine Hosen trug. Für eine bessere Idee jedoch blieb keine Zeit, die Jungen waren heran, und so robbte er ein Stück weiter ins Dunkel des Rumpfs.
'Du hast groß getönt, du würdest deinem Vater seine Benson & Hedges klauen', sagte einer der drei, ein dürrer Kerl mit einem Geißbart am Kinn. Sein Rucksack flog ins Wrack und schluppte keinen halben Meter neben dem Kopf des alten Mannes an einen herabgebrochenen Balken.
'Er hatte nur noch eine Packung', sagte der Angesprochene.
'Du hast dich nicht getraut', sagte der Dritte und sprang in die Öffnung im Rumpf, nasse Turnschuhe klatschten auf Holz. Er zuckte zusammen, als er den alten Mann sah. Kurz trafen sich ihre Blicke, wenngleich der Alte nicht viel von seinem Gegenüber erkennen konnte, das Licht fiel dem Jungen in den Rücken. Was er sah, war ein gedrungener Kerl in schwarzem Sackpulli und schwarzen Sackjeans. Der Junge blieb in der Öffnung stehen und drehte sich zu seinen Freunden um.
'Wir haben Besuch', sagte er.
'Was?'
'Ein Penner oder so.'
'Scheiße.'
'Tut mir Leid', sagte der alte Mann, um sich nicht länger wie ein seniler Trottel zu fühlen. 'Ich hatte nicht vor, in euer Revier einzudringen.'
Die beiden anderen Jungen kamen herein: drei dunkle Gestalten gegen das Licht.



(...)

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Für die Geschichte wurde mir der 1. Preis im 8. Harder Literatur-Wettbewerb 2005 verliehen: eine Lädi und 4.500 € Preisgeld.


© 2006 / 2012 SW

 
 

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