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Texte



Eine Truhe für den Papst 

 
 


Eine Truhe für den Papst 

 



Die Tür wurde aufgerissen, ein Durcheinander von Stimmen drang herein.
Herr, sandte Papst Johannes ein Stoßgebet gen Himmel, schenke mir bald Frieden.
'Ein Geschenk, Heiliger Vater.' Marco, Johannes' Sekretär eilte in die päpstlichen Gemächer. Vor dem Schreibtisch blieb er stehen, rieb sich seine Hände, als wäre die Gabe für ihn bestimmt.
Sollte er sie seinetwegen haben, dachte Johannes. Seine Tage als achtzehnter seines Namens auf dem Stuhle Petri waren heute, an diesem schönen Tag im August des Jahres 1008 Anno Domini, bereits gezählt. Aber nicht der Tod war es, der die Tage ausrief. Johannes seufzte und lehnte sich weit zurück in diesem unbequemen, entsetzlich kostbaren Stuhl. Und wenn du mir endlich Frieden schenkst, Herr, dann hilf mir auch, mein Gesicht zu wahren.
'Von wem?', fragte Johannes. Er spielte mit seinem Siegelring, hielt ihn in die staubigen Strahlen der Nachmittagssonne, die ihr Licht durch die schmalen Fenster der päpstlichen Gemächer zwängte. Welche Macht dieses lächerliche Ding besaß. Und wie schön es funkelte.
'Von Cresecentius.'
So viel zur Macht des Rings. Die wahre Macht lag bei Crescentius, dem mächtigsten Patrizier der Stadt, Herr über den heiligen Stuhl und zweifelsohne Ausrufer von Johannes' letzten Tagen. Er war nicht der erste Papst unter seiner Fuchtel. Dabei sollte über dem Oberhaupt der Kirche nur einer stehen - aber, Crescentius hätte nicht einmal mit Gott getauscht, hielt er sich doch für mächtiger. Macht! Die Stadt Rom war zum Witz verkommen, zu einem unbedeutenden Flecken, geschwächt von der jüngsten Hungersnot, dem Aufbranden der Pest und dem Anstürmen der Sarazenen gegen ihre Küsten. Umso mehr genoss es Johannes, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, er genoss jedes kleine Aufbegehren. Wenigstens die Nachwelt sollte ihn respektieren, wenn schon nicht für seine Politik, so doch für seine Arbeit in der Verwaltung der Kirche und bei der Überwindung der Abspaltung Konstantinopels von Rom - Respekt wäre eine Ehre, die seinen Vorgängern gewiss nicht zukäme. Am meisten bedauerte Johannes, dass er das so wichtige Treffen mit Kaiser Heinrich nie zustande gebracht hatte, nicht gegen Crescentius, der sich seit Jahren dagegen stellte. Die Zustimmung zur Einrichtung des Bistums Bamberg aber hatte der Patrizier ihm nicht verwehrt, und damit würde es mit der Christianisierung der Slawen endlich vorangehen.
In den letzten Monaten nun trat Crescentius' Unzufriedenheit immer deutlicher hervor. Erstaunlich, dass er ihm ein Geschenk brachte. Johannes hatte mit dem Henker gerechnet.
'Schafft mir das Ding herein', rief er. 'Was ist es? Ein neuer Nachttopf aus Gold?' Am liebsten wäre ihm etwas gewesen, was man essen konnte. Etwas Einfaches, eine Schüssel mit Brathühnern oder ein schöner Schinken. Etwas, das sich irgendwo verstecken ließ, wo es einen nicht jeden Tag an den Schenker gemahnte.
'Es ist eine Truhe', sagte Marco und eilte zur Tür. Wie konnte er sich so wieselflink bewegen, ohne dass er einen Fuß vom Boden hob?
'Eine Truhe? Eine leere Truhe? Was ist in dieser Truhe, Marco?'
Der Sekretär schlüpfte nach draußen, seine Hand hielt die Tür einen Spalt breit offen, als wollte er sich nicht ganz von der Nähe des Papstes schneiden. 'Was ist in dieser Truhe?', gab er die Frage weiter an die, die vor der Tür standen, doch übersetzte er die gespielte Neugier in ein weinerliches Drängen.
Johannes verstand die Antwort der Gardisten nicht, die das Geschenk den Boten draußen, einige Fluchten weiter, abgenommen hatten. Marco schlüpfte herein.
'Das wissen sie nicht. Sie lassen Eurer Heiligkeit ausrichten, dass nur Ihr den Inhalt schauen dürft.'
Johannes klatschte in die Hände. Die Sache entwickelte sich interessanter, als er erwartet hatte. 'Eine Überraschung. Wunderbar.' Nein, den Henker schickte Crescentius ihm nicht, aber dafür womöglich einen Haufen giftigen Gewürms, das sich auf ihn stürzte, sobald er die Truhe aufklappte. 'Also, herein damit!'
Vier Gardisten brachten die massive Holztruhe, stellten sie mitten in den Raum und entfernten sich. Marco umschlich das Geschenk; fehlte nur noch, dass er sich davor hinhockte und an den Ritzen schnupperte. Die Truhe war groß wie ein Sarg.
'Du darfst dich entfernen, Marco', sagte der Papst.
'Aber ... vielleicht sollte ich bleiben, Heiliger Vater. Es könnte doch sein, dass es sich um etwas Gefährliches handelt.'
'Du misstraust unserem Gönner? Wenn ihm das zu Ohren gelangt ...'
'Nein, bitte, Heiliger Vater, ich dachte bloß ...'
'Hast du nicht die Anweisung des frommen Spenders gehört? Ich allein darf den Inhalt der Truhe schauen.'
'Gewiss, aber ich bin doch eigentlich ... niemand.'
'Doch, raffiniert bist du und ebenso neugierig.' Der Papst winkte zur Tür und vertiefte sich in die Betrachtung der Truhe. Als er keine Schritte hörte, sagte er leise: 'Verschwinde!'
Marco gehorchte. Der Papst wusste, dass sein Sekretär hinter der Tür stand und lauschte, und vielleicht gab es Gucklöcher, durch die er hereinspähen konnte. An jedem anderen Tag war dies dem Papst gleich, aber nicht heute. Dieses Rätsel würde er alleine lösen, nichts, was ihm in den ganzen Jahren seiner Zeit als Stellvertreter Gottes auf Erden widerfahren war, hatte ihn so sehr erregt. Eine Veränderung lag greifbar in der Luft. Die Truhe wollte sich ihm offenbaren. Die Truhe - der Sarg.
'Ach, Marco', rief er, und sofort öffnete sich die Tür. 'Du musst einen Botengang für mich erledigen. Geh zum Schneider Capelli und frage ihn nach dem Hermelinbesatz für meine Wintermütze.'
'Aber, Heiliger Vater, es ist doch erst August ...'
'Und erledige es persönlich. Sofort.'
'Ja, Heiliger Vater.' Marco verbeugte sich und ging. Der Ärger, der dem Sekretär in seinen sonst so beherrschten Zügen stand, amüsierte den Papst. Er hätte es diesem Wiesel schon längst einmal zeigen sollen. Wiesel? O ja, ein großes, öliges Hermelin.
'Vergib mir, Herr', murmelte er. Dann konzentrierte er sich auf die Truhe. Schweres Eichenholz, die Schnitzereien und Einlegearbeiten zeigten Szenen mönchischen Lebens im Refektorium, im Infirmarium, am Brunnenhaus, aber alles in allem ließ sie doch die Pracht vermissen, die einem Geschenk für das Oberhaupt der Christenheit zukommen sollte. Gewöhnliche Eiche! Was sie nur noch geheimnisvoller machte. Für eine simple Beleidigung lohnte der Aufwand nicht, Crescentius wusste besser, wie man einen Papst, der einem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, auf seinen Platz verwies.
'Nun denn.' Johannes rieb sich die Hände, und wie immer störte ihn der dicke Siegelring dabei. Er bekreuzigte sich und öffnete behutsam die sieben Riegel, die die Truhe abschlossen wie eine Schatzkammer, und mit jedem Schnappen eines Riegels wuchs seine Erregung. Sieben. Zweifellos bedeutete die Zahl etwas, Crescentius liebte Symbole und verborgene Hinweise. Sieben Riegel, sieben Siegel. Nun, die Sieben Siegel aus der Offenbarung befänden sich wohl kaum in der Truhe. Die Offenbarung des Johannes, so nannte man dieses letzte, rätselhafteste Buch des Neuen Testaments. Kam dieser Namensverwandtschaft eine Bedeutung zu?
'Die Apokalypse', murmelte Papst Johannes und wischte sich den Schweiß ab, der ihm trotz der Steinkühle des Gemachs auf die Stirn getreten war, 'werde ich damit nicht auslösen. Höchstens das Ende meiner eigenen, kleinen Welt.'
Der Gedanke an die Offenbarung ließ ihn nicht los, und ihn fröstelte. Abermals rieb er sich die Hände, er rieb und rieb, wie stets, wenn er sich nicht zu einer Entscheidung durchringen konnte, aber dann packte er den Deckel und warf ihn auf. Er klappte zurück, die Ketten, die ihn hielten, spannten sich rasselnd.
In der Truhe lag eine Decke.
Ratlos betrachtete Johannes den einfachen Stoff. Eine gewöhnliche Decke, keine Seide, kein Samt, kein Pelz, schon gar kein Hermelin - sie roch nach Schaf.
Wie das Lamm, dachte Johannes, das die Sieben Siegel gebrochen hat. Und wenn die Decke einem der vielen Pesttoten als letztes Lager gedient hatte? Das wäre ganz nach Crescentius' krankem Sinn, handelte es sich bei dem ersten der Sieben Siegel doch um die Pest.
Die Decke bewegte sich.
Sich bekreuzigend, wich Johannes zurück, doch nur so weit, dass er noch in die Truhe hineinsehen konnte.
Wand sich Gewürm unter diesem braunen Überwurf, wie er es zunächst vermutet hatte?
'Kommt raus, was immer ihr seid', rief er und schalt sich einen Narren, weil er mit Tieren redete. Aber die Tiere gehorchten, die Decke wurde zurückgeworfen.
Johannes schrie auf und erstarrte. Doch keine Schlange entstieg der Truhe, keins der Sieben Siegel, weder Pest noch Krieg noch Hunger, nein, ein Mädchen, eine junge Frau, und sie trug weder Fetzen noch Feigenblatt über ihrer Blöße. Sie leuchtete im Sonnenlicht, heller, güldener als sein Siegelring, und der Papst fragte sich, welche Macht sie wohl besäße.



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Die ganze Geschichte gibt es in der Anthologie zum Literatur-Wettbewerb der Stadt Uslar Historie um 1006. Es kann direkt beim Literatur- und Kunstkreis Uslar bestellt werden: e-mail

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Für die Geschichte wurde mir der 2. Preis im Uslarer Literatur-Wettbewerb 2006 (Altersklasse 26 - 45 Jahre) verliehen: 500 € Preisgeld.


© 2006 SW

 
 

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