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Texte



Eduards Bein 

 
 


Eduards Bein 

 



Ein Bein war alles, was Karin von Eduard geblieben war. Sie fand es dreihundert Meter von ihrem Bungalow. Die geblümten Shorts hatten neunzehnfünfundneunzig gekostet, Sommerschlussverkauf, obwohl es den ja offiziell nicht mehr gab. Die Shorts waren ganz geblieben, doch zwei der drei Öffnungen hingen schlaff und leer. Es war ohne Zweifel Eduards Bein. Das Pflaster am Oberschenkel - er hatte sich gestern beim Schwimmen an einer Muschel die Haut aufgerissen - das Pflaster war noch an seinem Platz. Etwas so Winziges, wo alles größere verstreut lag. Alles, ja, die Anlage existierte einfach nicht mehr. Da drüben stand eine gekachelte Wand, allein, die Kacheln mit blau-apfelsinenfarbenen Kreisen, die Rückwand der Papaya-Bar. Noch gestern hatte der Barkeeper mit dem Goldzahn mit Karin geflirtet oder zumindest mit ihr gelacht. Eduard mochte ihn nicht, er mochte die Einheimischen nicht. Alles Serviceroboter, wie er sie nannte. Er hatte das scheußliche Wort irgendwo gelesen und benutzte es ununterbrochen.

Karin zerrte sein Bein ganz aus dem Sand, einigen Bambusstangen, dem Fetzen einer Markise und dem verbogenen Reifen einer Fahrradrikscha, Teile von unvereinbaren Elementen, die große Hitze zusammengeschweißt hatte. Das Bein zog schwer an ihr, als wäre es ein eigenständiger, kleiner Mensch, und das, obwohl sie größer war als Eduard, wenn sie ihre Hochhackigen trug. Zum Glück bedeckten die Shorts die Wunde.

Glück.

Das Bein war nicht starr, wie sie erwartet hatte, sondern gelöst wie ein Schlafender. Es sah brauchbar aus. Wie ungerecht, dass ein solches Bein zu nichts mehr nützen durfte, nicht mehr zum Stehen oder Gehen oder Laufen. Zum Auskuppeln. Es war Eduards linkes Bein. Er war so gerne Auto gefahren, viel zu schnell, gerade dann, wenn er getrunken hatte. Gewandert war er auch gerne, in Tirol und einmal auf Mallorca, aber trinken war ihm in letzter Zeit das Liebste gewesen.

'Das Allerlallerliebste.'

Sie hatte seine verwaschene Stimme noch im Ohr.

Besser er trinkt, als wenn er eine andere hätte, war, was Gerda dazu meinte. Gerda, die in ständiger Panik lebte, dass ihr Rolf mit einer Jüngeren abhaute, dabei hätte Karin die Frau gerne gesehen, die mit Rolf ... Im Urlaub trank Eduard von morgens bis abends, all inclusive, auch der Ehekrach.

'Du musst das verstehen', hatte er gesagt und gegrinst, Eduard war ein großer Grinser, wenn er getrunken hatte, 'du musst verstehen, dass ich mit jedem Drink mehr Geld spare.'

'Du hast schon genug gespart für unseren nächsten Urlaub.'

'Siehst du.'

Eduard hatte schon nüchtern seine Schwierigkeiten mit Ironie.

Karin legte sich das Bein über die Schulter. Zwei Männer, Asiaten, rannten an ihr vorbei und riefen etwas und gestikulierten, überall am Strand und zwischen dem Dreck und dem Holz und den zerbrochenen Steinen liefen die Menschen und schrieen, aber es gab auch andere, die wie sie einfach nur dastanden und aufs friedliche Meer hinaussahen. Die nichts begriffen.



(...)

Die ganze Geschichte gibt es in der Anthologie zum MDR-Wettbewerb Beckenbauer zertritt kleine Tiere. Mehr zum Buch hier ...

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Erstmals erschienen in der August-Ausgabe des Programmhefts von MDR Figaro, Triangel. Einschließlich einer sehr gelungenen Illustration (Acryl) von Barbara Berger.
Die Geschichte wurde als einer der besten Texte des MDR Kurzgeschichtenwettbewerbs 2005 gewählt.


© 2005 SW

 
 

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