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Die Geschichte vom alten Wergk und seiner Kiste 

 
 


Die Geschichte vom alten Wergk und seiner Kiste 

 


Du kennst die Geschichte vom alten Wergk? Nein? Du weißt auch nicht, was er in seiner Kiste hatte? In dieser schweren Eichenkiste, die er ganz alleine über den Pass schleppte? Dann hör' zu. Es war schon Herbst, auch wenn manche Tage noch wie Sommer rochen und sich auch so anzogen: warm und grün und reichlich Birnen und Äpfel an den Bäumen. Doch jede Nacht nahm der Herbst sich ein wenig mehr von den Tagen mit seinen klammen, kalten Fingern. Und die Winde flüsterten schon, wie sie toben würden als Sturm und Orkan und Hagelschauer. In den Hauseingängen sammelten sich die ersten braunen Boten, Blätter, als wollten sie sich verdrücken, hinein ins Warme, wo nichts mehr ging ohne Feuer in der Nacht. Kennst du das Geräusch, wie sie knistern unter deinen Schritten? Mir ist es jedes Jahr, beim ersten dieser zertretenen Blätter, als tötete ich, ich selbst, den Sommer mit meinen rauhen Stiefeln. Schlechtes Gewissen, wer weiß, für all die Versäumnisse im Jahr.
An so einem Tag nun brach der alte Wergk auf. Er wohnte allein, ein kleines Haus, sauber aber ohne Seele, wenn du mich fragst. Man grüßte ihn stets, doch stets ohne Lächeln, man tat es halt. Bauer war er, ja, wie die meisten von uns, kein guter, kein schlechter, ein bisschen Vieh, ein paar kleine Felder, es ging ihm soso. Ich bin ihm über den Weg gelaufen. Und erschrocken. Wäre noch mehr erschrocken, wenn ich gewusst hätte, dass ich der letzte war, der ihn lebend sah. Einen Anblick bot der, nichts schönes, nein. Alt war er geworden - ganz plötzlich. Von wegen. Wann hatte ich ihn mir das letzte Mal genau betrachtet? Überhaupt einmal?

'Na, Wergk, deine Felder aufgeräumt für Väterchen Winter?' fragte ich ihn. Doch er schnaubte nur etwas und kniff sein Gesicht zusammen. Seine Augenlider waren so dick, richtig fleischig, gar nicht wie die eines Menschen. Eidechsen haben solche Lider, weißt du. Und hinter sich zog er diese Kiste her. Schöne Kiste, auf seinem kleinen Wägelchen mit den kleinen quietschenden Rädern. Na ja, viel konnte ich nicht sehen von der Kiste, ne Decke lag drüber, aber er hatte wohl nicht gemerkt, dass sie sich verschoben hatte auf seinem Weg. Ne Ecke jedenfalls spitzte raus von der Kiste. Schöne Eisenbeschläge, sage ich dir. Und das Holz? Puh. Wunderbare Eiche, fast blank poliert. Wusste gar nicht, dass der Alte so etwas Schönes und vor allem Wertvolles besaß. Aber er hatte meinen Blick sehr wohl gesehen und sofort schnappte sein Kopf nach hinten und er sah die Ecke, die doch wohl niemand sehen durfte, und flugs er wieder die Decke drüber. O, du kannst dir vorstellen, wie mich das neugierig machte. Die Kiste war groß, richtig groß, so ne Aussteuerkiste. Doch ich hätte gewettet, dass da keine Damastdecke und keine Stoffe und sicher auch kein Tafelsilber drin war. Etwas, das ihm wichtig war, wirklich wichtig, meine ich. Wie eine Geliebte oder so. Doch Wergk eine Geliebte? Nein nein, mit 'ner Frau hat den noch niemanden gesehen. Den wollte keine, so lange wollte den keine, bis er auch nicht mehr wollte. Dachte ich, dachten alle. Aber wer weiß, was hinter Hauswänden so alles vor sich geht? Ich sage dir, wenn die Wände der Häuser aus Glas wären, dann hätten die Menschen sich schon längst alle umgebracht und sich gegenseitig die toten Köpfe eingeschlagen. Haha. Können sie dann ja nicht mehr, stimmt's? Aber so, alleine und unbeobachtet in ihren Häusern, tun sie alle ihre wirklich dunklen Taten. Ich wette mit dir, dass die schlimmsten Verbrechen dort in den scheint's so friedlichen Häusern statt finden. Und die Menschen draußen? Nix sehen, nix hören, nix wissen. Als ob die Wände nicht nur die Blicke aussperren würden sondern auch den Verstand, das Wissen, dass Schlimmes vor sich geht. Ich schaue weg und deshalb passiert auch nichts. Doch jeder hat ja selbst genug eigenes zu verbergen. Es ist ein Geschäft, sage ich dir: ich erzähle nichts von deinen Morden und du nichts von meinen.
He, jetzt aber nicht dumm werden, ja? War Spaß, war Spaß. Wir beide können doch kein Wässerchen trüben, oder? Aber ich wollte die von Wergk erzählen. Er nun mit seiner Kiste auf seinem Wägelchen an mir vorüber. Und tat so heimlich, dass es noch verdächtiger roch. Ich dann rüber zum Schweinebauer, und der steht da schon mit dem alten Erbesund die unterhalten sich, na worüber, über den Wergk und seine geheime Kiste.

'Ne Frau, sage ich euch', meint der Erbes im Flüsterton zu uns.

'Woher weißt du das denn?' geb' ich zurück.

Und er: 'Woher? Ja, glaubst du denn, der ist so harmlos, wie er immer tut? Nein, schau ihn dir nur an. Ohne Frau, die ganze Zeit? Dass ich nicht lache. Ich habe gehört, aus zuverlässiger Quelle, dass er regelmäßig rüber nach Markstetten fährt.'

'Ins Bordell', entfährt es dem Schweinebauern empört. Und dabei, im Vertrauen, der ist da auch schon mal gesehen worden, der alte Drecksack. Aber ein Wunder ist's nicht, wenn du seine Frau kennen würdest. Sie stinkt schlimmer als alle Schweine, die sie haben, und sie furzt bei jedem Schritt, den sie tut. Aber zu Wergk und unserem Gespräch.

Der Erbes also bestätigt den Schweinebauern und nickt heftig und sagt dann:

'Aber das ist noch nicht alles, hört. Denn dass er's da treibt, das ginge ja noch an. Aber was er da tut, ich sage euch, was er da tut.' Er senkte seine Stimme und wir, ob wir wollten oder nicht, steckten unsere Köpfe noch enger zusammen. 'Er prügelt die Frauen, prügelt sie so richtig windelweich, und er drückt Kerzen aus auf ihren Brüsten und', wieder eine Pause, 'und er pinkelt sie sogar an, die Drecksau.'

'Manche Frauen mögen das', sagt der Schweinebauer mit einem ekligen Grinsen, und wir grinsen uns alle drei an, und ich sage: 'Manche brauchen das. Vor allem wenn ihr Kerl keinen mehr hoch kriegt.'

Dann der Erbes wieder: 'Und der alte Wergk hat bestimmt seit Jahren keinen Ast mehr auf seinen Sack gesteckt.'

Und wir lachen gut zusammen. Im Vertrauen: Männer sind ja Schweine, aber Frauen. Ich sage dir, wenn die könnten, wie sie wollten und wir sie nicht unter unserer Knute hätten, dann... Arme Männer, sage ich dir, arme Mannsleut'.

'Und du glaubst', nimmt der Schweinebauer das Gespräch wieder auf mit dem Erbes und mir, 'du glaubst...' Er kann nicht mehr weiter sprechen, so empört ist er, ich merke, wie angewidert er von dem Gedanken ist, den wir alle denken. Der Erbes aber sagt's dann frei heraus, der kennt da ja nichts, der hat ja schon viel erlebt, der Erbes. War ja auch schon im Krieg. Der Erbes jedenfalls dann:

'Ja, er hat da wohl eine von denen tot geschlagen. Aber was nun tun mit ihr? Soll ja keiner merken. Er also kauft sich diese Kiste. Ihr müsst wissen, in diesen Bordellen haben die natürlich vorgesorgt für solche Fälle. So was passiert da ja immer wieder, wie man hört. Aber die Behörden dürfen nichts wissen davon, klar, sonst machen sie den Laden dicht und all die Nutten und ihre Luden haben nichts mehr zu verdienen. Und jeder weiß ja, dass die größten Luden in der Kirche und bei den Behörden sitzen.'

'Klar', pflichtet der Schweinebauer ihm bei, und auch ich nicke natürlich. Weiß ja jeder.

'Der Wergk also kauft die Kiste. Zu 'nem Preis, sage ich euch, der sich gewaschen hat. So was zu vertuschen kostet natürlich was. Vielleicht hat er sogar Haus und Hof dafür verpfänden müssen. Aber immer noch besser als der Strang. Gutes Geschäft, am Ende, für das Bordell, und Frischfleisch wächst ja überall heran, kein Problem für die.'

Und wieder nicken der Schweinebauer und ich wissend.

'Und der Wergk nun - was soll er anstellen mit der Kiste? Denn natürlich ist das jetzt sein Problem, die Luden wollen davon nix wissen, die machen sich ihre Hände doch nicht schmutzig. Vergraben die Kiste, mitsamt der armen Nutte?'

'Er hat sie doch nicht so rein gekriegt, oder?' fragt der Schweinebauer. 'Die Kiste ist doch kein Sarg. Zu klein.'

'Die Beine und Arme gebrochen', sagt der Erbes ruhig. 'Die wissen doch, wie man das macht. War ja bestimmt nicht das erste Mal, dass sie so was weg schaffen mussten. Dann geht sie rein.'

'Klar', sage ich und grinse und klopfe dem dummen Schweinebauern auf die Schulter. 'Was hast du denn gedacht?'

Der hellste ist er wirklich nicht, und trotzdem hat seine noch nichts bemerkt von seinen Gängen nach Markstetten. Sie ist halt noch dümmer, die Alte. Und sie stinkt, sage ich dir.
Doch eins ist mir auch noch nicht klar, und ich frage den Erbes:

'Ja, aber warum hat er sie nicht einfach vergraben, die Kiste?'

Und der Schweinebauer nickt, denn wie sollte er darauf die Antwort wissen? Der Erbes jedenfalls kriegt plötzlich so einen ganz verschmitzten und er sagt:

'Das ist genau das raffinierte daran. Der Wergk vergräbt die Kiste, und sein Haus und seine Felder ist er los. Das macht doch stutzig, oder? Wie kommt es, dass sein Haus weg ist? Da werden die Leute neugierig, und dann kommt vielleicht einer von den Behörden und fängt an, rumzuschnüffeln. Das darf nicht sein. Also hat er die Kiste - und er zeigt sie her. Damit die Leute darüber grübeln und er ihnen dann sagen kann: da ist das und das drin, alles kostbares, teueres Zeug, und dafür habe ich ihnen mein Haus gegeben. Ich will weg von hier, und mit den Reichtümern in der Kiste ist das leichter als mit 'nem Hof an der Backe. So. Da werden die Leute vielleicht den Kopf schütteln, und der ein oder andere wird fragen, was in der Kiste ist. Und der Wergk? Er wird nur sagen, ihr versteht doch, dass ich euch das nicht verraten kann, ich will nicht, dass das irgendwelchen Strauchdieben zu Ohren kommt, und so zieht er von dannen mit seiner Kiste und mit der Leiche. Keiner stellt mehr Fragen und morgen ist er vergessen, genau wie die tote Nutte. Und wenn er dann woanders ist, dann kann er die Nutte vergraben und die Kiste verkaufen und muss wenigstens nicht verhungern. Und wenn dann einer die Leiche findet, irgendwo, dann wird er nicht verdächtig, weil er ja schon wieder weitergezogen ist und ihn in der Gegend sowieso niemand kennt.' Und der Erbes schaut nach seinen langen Worten uns an als erwartet er Beifall.

Und wir beide, der Schweinebauer und ich, wir nicken anerkennend. Denn der Plan ist so klug und ausgetüftelt, dass man erst einmal drauf kommen muss.

'Der Wergk ist doch eine alte Drecksau', sagt der Schweinebauer schließlich, und ich grinse und sage:

'Du musst es ja wissen, du bist ja der Schweinefachmann hier.'

Und wir alle drei lachen und malen uns alle noch ein bisschen aus, was der Wergk wohl noch so alles im Bordell getrieben hat und empören uns darüber.
Und als wir so dastehen und lachen und Spaß haben und uns überlegen, was man Nutten noch so alles an Gefallen tun kann, da kommt Brodek, der Wagner vorbei und er sieht uns und er gleich zu uns und tut ganz wichtig und dringend.

'Der alte Wergk', sagt er und schnauft, denn er ist in den letzen Jahren ein wenig fett geworden, und sein Wanst wackelt, so aufgeregt ist er. Er ist strohdumm und ich kann seine Stimme nicht ausstehen, sie ist so grell wie Sonnenlicht nach einer durchzechten Nacht. Er nun jedenfalls, fuchtelt mit den Armen rüber zum Großen Lorschen, dem Berg, und keucht:

'Ich habe den alten Wergk gesehen.'

Dann war ich also nicht der letzte, der ihn gesehen hat, sagst du? Na, sieht wohl so aus, der Brodek also weiter:

'Er ist hoch zum Pass - mit 'ner Kiste, so groß wie ein Kindersarg. Hat gesagt, ich kann seinen Ziehwagen haben, er kann hier oben eh nichts mehr anfangen mit ihm, und ich hab ihm das Ding ja gebaut und er hat es bis heute nicht ganz bezahlt. Also nehm' ich's, ganz zufrieden, und wunder mich nur, will ihn aber nicht aufhalten. Soll seine Verrücktheiten machen, ist alt genug, aber als ich dann mit dem Wägelchen zurück ins Dorf lauf, da mache ich mir doch den einen oder anderen Gedanken und ich frage mich, was er wohl drin hat in der Kiste und wozu er sie wohl über Pass schleppen will.'

'In ein paar Tagen kann er schon zu sein, der Pass', sagt der Schweinebauer. 'Liegt Schnee in der Luft.' Aber wir hören gar nicht auf ihn, sondern nur auf den fetten Wagner, und er weiter:

'Und dann erinnere ich mich und ich glaube, ich habe etwas gehört.' Und wir alle plötzlich die Ohren aufgestellt.

'Was gehört?' sage ich und wir drängen uns näher, um ja kein Wort zu verpassen.

'Jaja', sagt der Wagner, und ihm ist die Aufmerksamkeit wohl zu viel auf einmal und seine aufgeregte Stimme wird noch höher und seine Speckwangen werden noch roter und er sagt:

'Wie ein Brummen, ein leises Brummen. Oder wie ein Wimmern.'

'Ein Wimmern?' sagt der Erbes, und ich: 'Ein Brummen?' Und der Schweinebauer: 'Was denn jetzt? Das ist doch wohl ein Unterschied.' Und ich pflichte ihm bei diesmal. Doch der Wagner bringt nichts hilfreiches mehr heraus, und schließlich sage ich:
'War wohl dein Magen, das Brummen.'
'Und das Wimmern der Wind', hilft der Erbes nach und grinst. Er will sicher nicht, dass seine Geschichte durch irgend welchen Unsinn des Wagners noch umgeworfen wird. Mich aber machen die Worte des Wagners schon stutzig, und wir streiten noch ein bisschen weiter, aber zu einem Ergebnis kommen wir nicht und irgendwann bricht einer auf und dann gehen wir alle und jeder grübelt noch bei sich, was denn jetzt wirklich in der Kiste drin war.

Kindersarg? Das Wort hat dich stutzig gemacht, stimmt's? Zusammen mit dem Wimmern, das der Brodek gehört haben will. Dem Erbes ist dazu am nächsten Tag auch prompt eine neue Geschichte eingefallen, dass nämlich die Nutte ein Kind hatte vom Wergk und dass dieses Kind nun... Aber mir war das alles zuviel.
Warum wir den alten Werk nicht angehalten haben um nachzusehen, was in seiner Kiste war? Nun, erst mal ging uns seine Kiste ja überhaupt nichts an, oder? Das ist so wie mit den Häusern, weißt du. Was dort geschieht, das ist die Sache der Leute, die darin wohnen. Und die Kiste war Wergks Sache, ganz allein. Und selbst wenn wir sie aufgemacht hätten - was hätten wir anfangen sollen mit einer toten, eiskalten Nutte? Sie begraben oder so? Wir haben doch alle schon Probleme genug, oder? Wozu sich noch die von anderen aufhalsen?
Was denn nun in seiner Kiste war, willst du wissen? Du wirst es nicht glauben. Nein, keine Frau, die er getötet hatte oder entführt, auch kein Kind, das er verschweigen musste. Ein Goldschatz? Haha, keinen Pfennig hatte er mehr, auch seinen Hof nicht. Hatte doch alles ausgegeben. Wofür? Na wofür wohl? Für die Kiste, diese so schöne, so teuere Kiste.
Sie war noch wertvoller, als wir geglaubt hatten. Innen fein ausgelegt mit weichem rotem Samt. Sie haben sie aufgemacht, sie stand da einfach so am Pass und der Wind pfiff um sie, kein Wergk weit und breit.

Einen Zettel haben sie drin gefunden. Drauf stand:

'Das hat mir das Leben gegeben und das habe ich dem Leben gegeben.'

Und was noch drin war außer diesem sonderbaren Zettel? Weich und rot und warm wie der Samt, dass man erst gar nichts sah? So frisch, als hätte es gerade aufgehört zu schlagen? Ein Menschenherz. Sein Herz? Ja, vielleicht. Aber jetzt muss ich weiter. Und grüß mir deine!

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Erschienen in der Zeitschrift 'Lose Blätter' Nr. 12, Frühjahr 2000.
© 2000 SW

 
 

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