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Billardkugeln 

 
 


Billardkugeln 

 



Im Fernseher tummelten sich ein paar Nachbarn und Bekannte, Schatten auf der dunklen Mattscheibe, die in der engen Wohnung ineinander flossen und die Leere nicht füllten; Wilfried hielt die Fernbedienung fest, als könnte er diese Geister mit einem Tastendruck aus der Wohnung scheuchen. Illu allein bliebe zurück, die er so nicht sehen konnte zwischen den ganzen Leuten, deren Stimme er nicht hören konnte unter all dem Lärm. Illu.
Jemand streckte ihm die Hand entgegen und Wilfried gab ihm die Fernbedienung. Der Mann nahm sie, nervös spielte seine Linke damit, und streckte Wilfried die freie Rechte entgegen.
'Mein Beileid', sagte er und umklammerte Wilfrieds reglos auf dem Oberschenkel liegende Hand.
Wilfried spürte den Druck, aber er erwiderte ihn nicht, sah den Mann nicht an; sein Blick wollte nicht höher als bis zur Brust des Fremden oder Bekannten oder Nachbarn.

Die Wohnung leerte sich schnell.
'Wenn du noch etwas brauchst', sagte eine Frauenstimme. Wilfrieds Blick wollte nicht höher als bis zur Brust der Frau, er wollte in kein Gesicht sehen müssen, das nicht Illus war. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und auf einmal schämte er sich dafür, dass er so stark schwitzte, dass der geliehene schwarze Anzug auf seinem Hemd klebte, das auf seinem Unterhemd klebte, das auf seiner Haut klebte.
'Ich stink', sagte er.
'Soll ich dir ein Bad machen?', fragte die Frauenstimme.
Wilfried sagte nichts. Im Fernseher stand eine kleine, dicke Frau neben einem Sessel, in dem ein kleiner, dicker Mann saß. Illu war schlank gewesen, wenn auch nicht größer, schlank und trotzdem weich, als ob sie keine Knochen gehabt hätte; um ihm weich zu sein, hatte sie auf die Stütze durch Knochen verzichtet.
'Ich zieh dir die Schuhe aus. Dass ausgerechnet heute so eine Affenhitze sein muss.' Die Stimme dickte ein zu Fleisch und Kleidern, zu einer Frau, die sich vor Wilfried hin kniete, und jetzt sah er ihr Gesicht, ein verschwitztes Gesicht mit einem Muttermal unter einem Auge, ein Nicht-Illu-Gesicht unter blond gefärbten Spinnweben. Ohne zu helfen, ließ er sich von ihr die Schuhe ausziehen, den rechten Schuh und den linken, der größer war, weil er einen verwachsenen Fuß stützen musste. Wegen Illu hatte Wilfried keinen Stock gebraucht. Er ging kaum aus und wenn, dann mit Illu.
Wenn, dann mit Illu.
Er beugte sich vor und Tränen tropften auf seine Socken, und die Frau, Bekka, befreite ihn auch aus den Socken.
'Ich stink', sagte er und zog die Nase hoch.
'Ach was', sagte Bekka. 'Jeder schwitzt bei dem Wetter.'
'Illu nich'', sagte er. Weil Illu nie schwitzte und weil Illu tot war und weil der Sarg in kühler Erde stand.
'Ach, Wilfried', sagte Bekka.



(...)

Die ganze Geschichte gibt es in der Anthologie Förderband 6 - Wahrnehmung

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Erschienen in der Anthologie »Förderband 6 - Wahrnehmung« des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Bad.-W.
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© 2006 SW

 
 

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