stephan waldscheidt, schriftsteller

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Anmaßungen
zu Sprache, Schreiben, Literatur




Anmaßungen

Anmaßungen 2007

Anmaßungen 2006

Anmaßungen 2005

Anmaßungen 2004

Anmaßungen 2003

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Sozusagen.

Von Peter Kümmel in der ZEIT treffend als 'rhetorisches Zwischengas' bezeichnet. Wenn Weiß das neue Schwarz ist, was wird dann nächste Saison das neue Sozusagen? Wir sind gespannt und lernen: In Deutschland sind wir mit der Entwicklung unserer Autos deutlich weiter als mit der Entwicklung unserer Sprache.

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Akzeptanzproblem

Wir akzeptieren klaglos die Vorstellung, ein einziger Schmetterling in China könne bei uns einen Sturm auslösen, und ebenso klaglos akzeptieren wir es, wenn man uns sagt, ein Einzelner von uns wäre machtlos gegen den Lauf der Dinge, den Lauf der Welt.

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Liebe Frau Maidt-Zinke,

in Ihrer klarsichtigen Kritik von 'Das Spiel des Engels' (Die ZEIT Nr. 8, 2009) schreiben Sie, Carlos Ruiz Zafón bediene sich 'so virtuos wie schamlos aus der Trickkiste der Fesselung und Spannungserzeugung'. Wer käme auf die Idee, einem Musiker oder Maler oder einem Sternekoch vorzuwerfen, sich des Gelernten zu bedienen? Die deutsche Literaturkritik erweckt überhaupt gerne den Eindruck, ein Schriftsteller müsse sich in Deutschland für die Beherrschung seines Handwerks schämen. Ach, hätten wir doch mehr ganz und gar unverschämte Literaten! Oder tun manche etwa nur verschämt, um zu bemänteln, dass sie in Wahrheit ihr Handwerk nicht verstehen, schon gar nicht wissen, wie man fesselt und Spannung erzeugt? Dass man ihnen das so häufig durchgehen lässt, zeigt: Zu viele Kritiker beherrschen ihr eigenes Handwerk nicht.

Schönen Gruß von einem ganz und gar unverschämten Autor. An der Virtuosität arbeite ich.

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»Entweder man ist Schriftsteller- oder man ist es nicht. Wenn man einer ist, schreibt man unaufhörlich. Selbst dann, wenn man nicht den Kugelschreiber in der Hand hat. Allein die Qualität der Wahrnehmung ist anders. Wir Schriftsteller sind unendlich viel mehr der passiven Wahrnehmung ausgesetzt.«

(Siegfried Lenz, DIE ZEIT vom 8. Mai 2008)

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Nachvollziehbare Literatur

»Keiner würde sich für einen Autor interessieren, erschiene uns das, was er schreibt, nicht nachvollziehbar wie ein wissenschaftlicher Versuch.«

(Die Neurobiologin Hannah Monyer im ZEIT Magazin)

Prominente Ausnahmen: manche von der Kritik hochgelobte (= in die Höhe gelobte) Literaten (= Soziopathen?). Klingt neidisch? Nö, bloß missgünstig. Nebenbei rufe ich dazu auf, diese vereinfachende Gleichsetzung von Neid und Missgunst endlich aufzugeben.

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Spam wird poetischer. Schön.

Absender: Leona Stephenson
Betreff:
Auf und ab,
wie die Berge heisser Sex,
so ist die Schweiz!

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»Es ist fast dasselbe, einen Menschen oder ein gutes Buch zu töten. Denn wer einen Menschen tötet, tötet ein vernünftiges Wesen, wer aber ein gutes Buch vernichtet, tötet die Vernunft selbst, tötet Gottes Ebenbild sozusagen im Keime.«

John Milton, Areopagitica (1644)

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Ein Brief der Kanzlerin an Sie und Sie und auch an Dich

'Die Gesellschaft ist aufgerufen, ein ganz deutliches Zeichen zu setzen', sagte Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper bei einer Solidaritätskundgebung für den vermutlich von Neonazis niedergestochenen Polizeidirektor der Stadt, den mutigen Alois Mannichl.

Der Gedanke hinter Duppers Worten ist löblich. Doch wer fühlt sich angesprochen? Weder bin ich Deutschland, noch bin ich die Gesellschaft. Sie auch nicht. Oder Sie. Nein, nicht einmal Du. Und was heißt das, ein Zeichen zu setzen? Hinter diesen Satz setze ich eins, einen Punkt. Selbst dieser virtuelle Klecks hat mehr Substanz als Herrn Duppers 'Zeichen'.
Wieder verliert sich ein Politiker in leeren Worten, um sich anschließend zu wundern, dass keiner seiner so gut gemeinten 'Aufforderung' folgt.

In den Schulen trichtert man den Kleinen 'Lesekompetenz' ein. Wer aber bringt den Großen endlich das Sprechen bei? Politiker reden unentwegt. Die Inhalte geraten ihnen dabei so dünn und breit wie einem Diabetiker die Marmelade auf seiner Scheibe Schwarzbrot. Ein Problem, Herr Bürgermeister? Kein Problem. Die Politiker schäumen eben auf, mit großen, vielsilbigen Wörtern, die schwer klingen, aber keinerlei Energie liefern. Das Motto: Je abstrakter, desto Wahlsieg (d. h. immer schön unverbindlich bleiben).
Dumm nur, wenn der Politiker (oh, ihr Politikerinnen sprecht keinen Deut besser!) dann mal etwas sagen will, das mehr Kalorien hat als leergedroschene Spreu. Er kann es nicht. Und merkt es nicht einmal mehr.

Dann maße ich mir mal folgenden Vorschlag an, weder teuer noch utopisch:

Die Frau Bundeskanzlerin schreibt jedem wahlberechtigten Bürger dieses Landes einen Brief. Auch Herrn Ralf und Frau Eva Schmidt. 'Betreff: Tu was, Eva! Tun was, Ralf!' Und darin gibt sie ihnen einige konkrete Handlungsvorschläge, was sie (nicht die Gesellschaft) tun könnten, um den Rechtsradikalen ein Bein zu stellen. Nein, Frau Merkel muss die Briefe nicht selbst schreiben, aber sie sollte schon als Absender aufgeführt sein.

Nehmen wir mal an, von den fünfzig Millionen Wahlberechtigten würde nur jeder Fünftausendste einen dieser (einfachen!) Vorschläge in die Tat umsetzen, jeder das, was er am besten kann (Beispiel: Sich mal fünf Minuten mit seinen Kindern über Neonazis zu unterhalten). Dann hätten wir schon zehntausend Menschen, die etwas tun (und nicht bloß ein Zeichen setzen). Das sind ganz zufällig so viele Leute, wie es gewaltbereite Neonazis in Deutschland gibt.

Ein solcher Brief der Kanzlerin hätte noch viel mehr positive Folgen, indirektere, womöglich aber durchgreifendere.
+ Als Bürger fühlte man sich endlich mal wieder ernst und wichtig genommen von 'denen da oben'.
+ Das Image der Kanzlerin und vermutlich das der Politiker im Allgemeinen würde aufpoliert.
+ (Ein klein wenig weniger) Verdruss über Politiker.
+ (Ein klein wenig mehr) Bereitschaft, zur Wahl zu gehen.

Kosten würde der Spaß weniger als diese tolle Aktion 'Du bist Deutschland'. Und mehr bringen. Darauf verwette ich meine nächste Wählerstimme.

PS: Und was tut der Autor? Das, was er am besten kann: Er schreibt einen solchen Text und wünscht ihm viele Leser. Und den einen oder anderen, der die richtigen Schlüsse daraus zieht.

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Ich bin dankbar, dass ich mir eine Meinung anmaßen darf. Gegen Zensur: www.irrepressible.info.



Der Zensor arbeitet aber auch in mir unentwegt: Was gestatte ich amnesty eigentlich, auf meiner Website zu veröffentlichen? Ist es wichtig, ob die anderswo unterdrückten Schriften meine Meinung widerspiegeln?

Gegen Zensur - auch die im eigenen Kopf.

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grablicht

Aldi schenkt uns mit der Flatterfunktion nicht nur eine echte Innovation, sondern auch ein wunderschönes neues Wort! Und ein Grablicht zum Ein- und Ausschalten. Ganz nach dem Motto: Der geliebte Verstorbene ist da (an) / gerade im Leichenschauhaus auf dem Klo (aus) (siehe unten).

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Was wirklich auf dem Tiermarkt der Kleinanzeigen angeboten wird, ist reichlich geschmacklos. Da wird gehandelt mit ausgehfreudige Jung-Senioren und Mischlingen, die gerade der Tötungsstation entronnen sind - und selbst Beethoven ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Nein, klicken Sie nicht. Das Bild ist albern.

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Das Ende der Autorenlesung? Der bessere Entertainer gewinnt!
Quelle: WO am Sonntag vom 12. Oktober 2008

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Eine gute Überschrift erzählt eine Geschichte. Auch ohne den Artikel darunter.
Quelle: Fränkischer Tag vom 15. Oktober 2008

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Eine schöne Sprache heilt keine missratene Geschichte. (Nur) In der deutschen Literatur ist man anderer Ansicht. Leider. Ob es da einen Zusammenhang gibt zu der Bedeutungslosigkeit des deutschen Gegenwartsromans im nicht deutschsprachigen Ausland? Ausnahmen bestätigen nicht die Regel - es gibt keine (schlecht erzählten) Ausnahmen.

Widerspruch bitte hier anmelden ...

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Avantgarde oder nur Kritiker-Futter?

«Die echte Avantgarde erkennt man nach wie vor und immerdar an der Ratlosigkeit der Kritiker.»

(Daniel Kehlmann in der ZEIT vom 30. April 2008)

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»[Wenn es] keine Schlappen gibt, dann setze ich auf die Sockenthematik.«

(Teppichvertreiber Holger Schubert in der ZEIT vom 24. April 2008)

Übersetzung: Herr Schubert meint damit, er ziehe Socken an.

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Wo man in den USA das Nacktbaden besser unterlässt ...

»Das Stillen von Babys in der Öffentlichkeit wird zwar mittlerweile in wohl allen Bundesstaaten von den 'indecent exposure'-Strafvorschriften ausgenommen, sollte wie das Nacktbaden am besten jedoch zumindest in Restaurants und Bars bzw. in weniger 'liberalen' Gegenden unterlassen werden.«

(Quelle: http://www.auswaertiges-amt.de/)

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Der perfekte Satz für Deutschland

»Kanadische Biologen haben herausgefunden, dass Heringe durch Pupsen miteinander kommunizieren.«
(Wolfgang Gehrmann, Wo ist denn da der Haken? DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18)

Kanada ist ein Sehnsuchtsort der Deutschen, so eine Art bessere USA. 'Biologen haben herausgefunden' - das heißt, man kann etwas lernen, ebenfalls sehr deutsch: Der Deutsche braucht stets eine Entschuldigung fürs Lesen, und etwas zu lernen ist für ihn die überzeugendste Ausrede. Der Hering war lange Zeit der deutscheste aller Fische. Ja, und Pupsen! Die Deutschen lieben ihren Fäkalhumor. Am liebsten reiten sie sich selbst in die Scheiße. So wie damals ... Überhaupt konnte es vielen in diesem Land ja nie braun genug sein.

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Die Sprache lebt. Manchmal verschieben sich die Bedeutungen von Wörtern. Man denke an Wörter wie Freier oder geil. Auch das Vordringen des Englischen in unsere Sprache sorgt für Irritationen oder Amüsement beim Leser. Nicht immer im Sinne des Senders, wie das Beispiel der Anzeige eines österreichischen Tourismusverbandes zeigt.

Ick bin ein Loser ...

Klingt der letzte Satz nicht wie eine Drohung?

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Die deutsche Gegenwartsliteratur - eine kleine Anatomie

Abbildung: Die deutsche Gegenwartsliteratur - eine kleine Anatomie

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Jeder Vierte findet, zu den Dingen, die man im Leben getan haben sollte, gehöre, ein Buch zu schreiben. Bei den Akademikern sind es weniger, nur gut ein Fünftel. (Quelle: EMNID-Institut im Auftrag von chrismon)

Ach, Gott, was kommt da noch auf uns zu ... Dass bei den Akademikern weniger dieser Ansicht sind als im Rest der Bevölkerung, zeigt, so schlecht kann es um unsere Hochschulausbildung gar nicht bestellt sein.

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Ein schlechter Schriftsteller ist nichts weiter als ein gewöhnlicher Lügner. Hinter den Lügen des guten Schriftstellers hingegen schimmert stets eine tiefere Wahrheit hindurch.

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Sprache ist ein mächtiges Instrument. Am mächtigsten ist sie oft zwischen den Zeilen. Oder durch den Klang des Gesagten, nicht durch seinen Inhalt.

Sie wollen wissen, ob der Typ auf Sie steht, ob die Frau auf Sie fliegt? Kein Problem. Anruf bei dem Kandidaten oder der Kandidatin genügt - und die Stimmfrequenzanalyse-Software der Firma Nemesysco (sic!) sagt Ihnen, wie erregend man Sie findet.

»The love detector technology is now available as PC software, a Pocket PC utility and as a cellular service. The Love Detector technology is capable of detecting love-like feelings and other emotions via the telephone or a microphone. Although this technology is designed for entertainment use only, it is based on the core Nemesysco technology and engine.« (Quelle: nemesysco.com, 29.03.08)

Die professionelle Ausführung dieses Analyse-Apparates wird übrigens schon seit einer Weile etwa von Versicherungen benutzt, die damit herausfinden, ob ein Versicherungsnehmer tatsächlich beklaut wurde oder ob er das Autoradio selbst weiterverkauft hat ... Die Allianz in Deutschland hat die Software angeblich auch schon getestet. Also Vorsicht, wem Sie was am Telefon erzählen.

Besonders sinnvoll ist die Technik für Soziopathen, für Menschen, die unfähig sind, die Gefühle anderer einzuschätzen. Aber wir sind ja auf dem besten Weg in eine soziopathische Welt, nicht zuletzt durch die Verlockungen des Virtuellen.

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Erste Regel: Du hast nicht länger als drei Sätze Zeit, um dem Leser plausibel zu machen, warum er deine Geschichte lesen soll. Zweite Regel: Keine Ablenkungen, wenn der Leser an der Angel ist. Dritte Regel: Jede Story mit einem Plot ausrüsten, die auch für einen Roman gut genug wäre – offene Enden unterminieren die Kreditwürdigkeit des Autors. Vierte Regel: Jede Ausnahme muss besser funktionieren als die Regeln eins bis drei. (...) Aber Boyle muss nicht sparen. Er ist lustig, er ist tragisch, er ist wesentlich – und er ist verschwenderisch mit seinen Ideen, weil er weiß, dass sie ihm nie ausgehen werden. Regel fünf.

(aus: Christian Seiler, Alles in Ordnung, DIE ZEIT, Ausgabe 12, 2008 -- Über einen Band mit Kurzgeschichten von T. C. Boyle, Zähne und Klauen, Hanser 2008)

Schade, dass man in dem, was sich deutsche Literatur nennt, diese Regeln, die der Amerikaner T. C. Boyle so virtuos beherrscht, offenbar nicht kennt, sie zumindest ganz sicher nicht anwendet. Diese Regeln gehören zu etwas in der deutschen Literatur der Gegenwart Unerhörtem: Der Kunst des Erzählens.
Was nicht heißen soll, man fände keine guten Erzähler in Deutschland - sie erhalten lediglich nicht in den Ritterschlag 'Literatur', sondern müssen sich als 'Unterhaltung' abstempeln lassen. In der deutschen Literatur ist Sprache alles und Erzählunst nichts. Schade, sehr schade. Wenn die Gräben nicht so tief wären, könnten die Literaten von den Erzählern lernen und umgekehrt. Wir hätten endlich eine bessere Literatur, wir würden endlich anspruchsvoller unterhalten.
Bis dahin müssen wir eben T. C. Boyle lesen. Oder einen der vielen anderen amerikanischen Autoren. Den einen oder anderen hierzulande mag trösten, dass wir Deutschen die besseren Autos bauen. Obwohl, wenn ich da an meinen letzten Golf denke ...

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Sie haben keine Lust mehr, Ihre genialen Werke arroganten Verlagen anzubieten? Warum nicht selbst verlegen?
selbst verlegen
Mein Tipp: Bei einem Quadratmeterpreis von rund 8 Euro sollte Ihr Werk aus nicht mehr als 16 Blatt DIN-A4 bestehen (entspricht etwa 1 m²), sonst werden die Herstellkosten für das Buch zu hoch.

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Bücher, bei deren Lektüre man denkt 'Das könnte ein wunderbarer Film werden' sind schon ein wunderbarer Film. Ihn auf die Leinwand zu bringen, würde dem Film nur schaden - es wäre wie das Starten eines Motors, der bereits läuft.

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Papyrophobie bezeichnet die Furcht vor Papier und vor Papiererzeugnissen, Logophobie die Angst vor Wörtern.

Man stelle sich einen Autor mit diesen Phobien vor ... andererseits erwecken viele Autoren den Eindruck, sie litten unter diesen Krankheiten - die sie dann Schreibblockade nennen.
Bei manchem Autor wünschte man sich, er hätte eine Sesquipedalophobie: Angst vor langen Wötern.

Eine sehr anregende Lektüre für uns Neurotiker bietet eine Übersicht von exotischen Phobien hier ....

Besonders gut gefällt mir die Pantophobie, die Angst vor allem. Die dann auch die Papaphobie (Angst vor dem Papst) enthält sowie die Barophobie (Angst vor der Schwerkraft), die Bogyphobie (Angst vor Bogeys (Golfbegriff)), die Clinophobie (Angst, ins Bett zu gehen), die Dutchphobie (Angst vor Holland), die Ergophobie (Angst vor Arbeit), die Euphobie (Angst vor guten Neuigkeiten), die Geniophobie (Angst vor einem Kinn), die Germanophobie (Angst vor Deutschland), die Gnosiophobie (Angst vor Wissen), die Hellenologophobie (Angst vor griechischen (Fach-)Ausdrücken), die Lachanophobie (Angst vor Gemüse), die Lutraphobie (Angst vor Ottern), die Octophobie (Angst vor der Zahl 8), die Zemmiphobia (Angst vor Nacktmullen) - und zu guter Letzt die Phobophobie, die Angst vor der Angst.

Mit vielen dieser Phobien wird es sein wie mit manchen Krankheiten: Sie entstehen erst, wenn man danach fragt. Was würde die Pharmaindustrie ohne diese liebenswerte menschliche Schwäche machen? Mit Sicherheit weniger Umsatz.

Die perfekte Ergänzung zu dem logophoben Autor ist die Leserin mit Methrophobie: der Angst vor oder der Hass auf Poesie.

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Das Problem vieler Literaten ist es, dass sie gegen einige tausend Jahre Literatur anschreiben, statt für den Leser des Jetzt.
Das Problem vieler schlechter Schreiber ist es, dass sie eine dünne Eisschicht schreiben, ohne um das tiefe Wasser darunter zu wissen.

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Verstand abführen

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Das Unglück vieler Bücher ist, dass sie von ihren Autoren so lange getrimmt werden, bis der Autor endlich klüger ist als sein Buch.

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Schon mal was gehört von Comfort Noise? Das ist das Rauschen, das Telefongesellschaften einspielen, damit die Telefonierenden in Gesprächspausen nicht glauben, die Leitung wäre unterbrochen. Aus Beziehungen kennt man das ja auch: Der Comfort Noise heißt da Fernsehen.

(Zu meiner Schande muss ich gestehen: Ich habe eine Weile gebraucht, bis mir ein Synonym eingefallen war für Handy-Provider.)

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Wer sich von einem Text beleidigt fühlt, hat ein zu großes Ego. Eingebildet glaubt er, der Text meinte ihn.

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Correctness? Nein Danke. Wenn schon korrekt, dann lieber ästhetisch statt politisch, lieber ehrlich statt pedantisch. Nur wer auf dem halben Weg zur Vollkommenheit stehen bleibt, kann sich noch an dem Erreichten freuen.

(Wieder einer dieser strahlenden Mittwochmorgen, an denen ich mich so wunderbar weise fühle. Spätestens bis zur nächsten Idiotie, Countdown läuft ...)

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Für manchen Autor ist es nicht zu verkraften, dass sein Buch klüger ist als er.

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Kinder reagieren schon mit vier bis sechs Monaten positiv auf den vertrauten Klang und Rhythmus der sie umgebenden Sprache. Nachweisen lässt sich das mittels eines Sensor-Schnullers, der die Intensität misst, mit der ein Säugling nuckelt. Je größer das Interesse an der gehörten Sprache, umso intensiver saugt das Kind.

Steckte man erwachsenen Radio-Hörern und Fernseh-Zuschauern oder auch Konsumenten heute einen Sensor-Schnuller in den Mund, würde wohl gar nicht genuckelt werden.

Die Sprache lebt, nur stinken die Sprecher aus dem Maul, muffeln die Schreiber zwischen ihren Zeilen.



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In jedem Text, den man schreibt, findet jemand etwas, was man nicht geschrieben hat und kritisiert dieses Fehlen. Sicherheitshalber schreibe man also immer über alles - und zwar vollständig.

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Was viele Autoren anstreben - die Unsterblichkeit ihrer Worte - geht im Internet auf zynische Weise in Erfüllung. In seinem Artikel 'Deine Daten währen ewig' (DIE ZEIT, 19.12.07) schreibt Karsten Polke-Majewski über das 'Elefantengedächtnis' des Internets.

Eine Gefahr: Die Suchmaschinen fördern alle Daten gleichberechtigt zutage, egal, wann sie entstanden sind. Auf vielen Seiten findet man kein Datum - und selbst wenn: Wer sagt uns, der Text wurde wirklich dann geschrieben oder im Web abgelegt? Das Web ist zeitlich eine Fläche ohne die Tiefe durch Vergangenheit.

Autoren, die Ideen zu Krimiplots etwa in einem Blog veröffentlichen, könnten so Jahre später verhaftet werden, weil sie sich angeblich mit Attentatsplänen befassten. Verbrechen, die man abgeblasen hat, weil einen das schlechte Gewissen einholte, könnten als tatsächliches Vorhaben bestraft werden. 'Denn wer kann sagen, ob beispielsweise der Plan zu einem Bankraub nicht deshalb gelöscht wurde, weil der mutmaßliche Täter sich eines Besseren besann - und nicht, weil er seine Spuren verwischen wollte?' Und weiter: 'Das Internet vergibt nichts. Verfehlungen der Vergangenheit können nicht gut gemacht werden. Die Mechanismen von Buße und Vergebung, die für unsere Gesellschaft konstitutiv sind, werden außer Kraft gesetzt. Selbst für einen Mörder ist in Deutschland die Haft als Weg zurück in die Gesellschaft gedacht. Das Internet aber hält die Strafe des ewigen Erinnerns bereit. Einzelpersonen und Unternehmen entscheiden, ob sie endet.'

Hinzu kommt die Lust an der Selbstdarstellung, die längst zur Selbstentblößung geworden ist - Exhibitionismus als Massenphänomen. 'Ein Fest für die Bösartigen', wie Polke-Majewski schreibt.

Wem es denn ein Trost sein kann: Wo das einstmals ewige Kulturgut Buch im Handel heute schon nach wenigen Wochen von den Tischen der Großbuchhändler verschwindet und damit in die Bedeutungslosigkeit der Regale und der immer kürzeren Backlists der Verlage, da hält das Web das meiste einmal Geschriebene weiter vor, wenn nicht auf der ursprünglichen Website, dann auf irgendeinem der Serveransammlungen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das komplette Web zu archivieren.

Warum also sollte sich ein Schriftsteller bei seinen Büchern überhaupt noch Mühe geben? Wäre es nicht angemessener, wenn er sein ganzes Können auf sein Weblog oder seine Antworten in unbedeutenden Foren verwendete? So er denn vor allem am Nachruhm interessiert ist. Und das, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind wir doch alle.

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Sterben kann so schön sein ...
Wer braucht schon Unsterblichkeit? Wo Sterben doch so schön sein kann ...

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Wie beruhigend für einen Autor, der sich an einem Buch abmüht: Auch Bücher, die nicht perfekt sind, werden gedruckt, gekauft, geliebt.

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Es wird Frühling, die Gefühle blühen auf ... Zeit, Ihrer Frau mal wieder etwas vorzulesen. Bevor man gar nicht mehr zum Lesen kommt ... Auch so eine blöde Ausrede.
Wenn die Menschen statt Sex zu haben lesen würden, wären das Problem der Übervölkerung und das der Arbeitslosigkeit von Autoren auf einen Schlag gelöst.
Der Nachteil: Über was schriebe man denn noch, wenn sich niemand mehr für die Liebe interessierte? Klar: Über Steuern.

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Ein Journalist ist der Wahrheit verpflichtet, ein Schriftsteller seiner Geschichte.

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Frage an den Otzberger Bürgermeister Ohlemüller (CDU), der in Südhessen seit 1989 mit den Grünen regiert:
DIE ZEIT: »Manchmal ist es gut zu wissen, was sich bei einem Partner nie ändert. Was ist das bei den Grünen?«
Ohlemüller: »Das ständige Bäumepflanzen! Wenn ich es so nennen darf. Ich habe ja nichts gegen Bäume. Aber man kann beim besten Willen nicht überall Bäume pflanzen.«
(DIE ZEIT 28.2.08)

Aber man sollte es doch zumindest versuchen, Herr Bürgermeister.

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Manche Autoren schreiben nach der Maxime 'Alles, was sie nicht sagen, kann gegen sie verwendet werden.'

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Ente
Die Ente gilt Humorforschern als das witzigste Tier, sie ist für Witze der am besten geeignete Protagonist. Ich sollte dringend eine Geschichte mit einer Ente schreiben ...



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Das Erzählen ist vor allem deshalb ein Privileg des Alters, weil die Alten verlernt haben zuzuhören.

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Aufruf zur Empörung: Lesen ist nicht nichts

Im Heft 2 / 2008 der Reisezeitschrift GEO-Saison werden die beliebtesten Aktivitäten der Winterurlauber in Österreich aufgeführt. Das Ergebnis, dass 'Ins Kaffeehaus gehen' und 'Essen gehen' an der Spitze liegen und beide deutlich beliebter sind als 'Ski fahren', kann ich nachvollziehen, dass 'Nichtstun, Lesen' beliebter ist als 'Shopping' fände ich gut, glaube es aber nicht.
Was mich erstaunt - von der logisch-philosophischen Fragwürdigkeit abgesehen, 'Nichtstun' als Aktivität zu bezeichnen - was mich erstaunt und sogar verletzt, ist die Zusammenfassung von 'Nichtstun' und 'Lesen' in einem Punkt. Wo man doch sogar 'Ins Kaffeehaus gehen' und 'Essen gehen' säuberlich trennt. Lesen wird mithin von vielen Menschen als 'Nichtstun' empfunden oder zumindest von einer Werbeagentur dahingehend verunglimpft.

Als passionierter Leser und erst recht als Autor sollte man sich das nicht gefallen lassen.
Es setzt nicht nur unsere Arbeit herab, liebe Freunde, es ist auch nachhaltig geschäftsschädigend, wenn Lesen mit Nichtstun gleichgesetzt wird. Irgendwann werden die Leser nämlich auf den Gedanken kommen, sie könnten 'Lesen' durch echtes 'Nichtstun' verlustfrei ersetzen und uns, Genossen, in die Arbeitslosigkeit und damit in Armut und Verzweiflung treten. Das, meine Brüder, ist nicht hinnehmbar.

Wenn Sie auch dagegen protestieren möchten, schreiben Sie eine höflich, aber nicht unterwürfig formulierte Mail in gutem Deutsch an deutschland@austria.info und weisen Sie mit einem Link (http://www.waldscheidt.de/anmassungen.html) auf diesen Text hin.

Sollten Sie eher der zupackende Typ oder die durchsetzungsfähige Frau sein und direkt vor Ort etwas gegen das skandalöse Vorgehen des Österreichischen Tourismusverbandes unternehmen wollen, wenden Sie sich bitte vertrauensvoll und mit Pflastersteinen bewaffnet an folgende Adresse:
Österreich Werbung Deutschland GmbH
Klosterstraße 64
10179 Berlin

Danke, auch im Namen der Kollegen.

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Die Menschen wollten schon immer lieber 'wahre Geschichten' hören. Nur hatten es die Autoren früher leichter, kam doch niemand kam aus seinem Dorf heraus, um den Wahrheitsgehalt zu prüfen.

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Schriftsteller und Künstler haben es gut. Im Vergleich zum Durchschnitt aller Berufsgruppen leiden sie seltener unter dem Burn-out-Syndrom, können ihren Beruf besser mit dem Privatleben vereinen - und selbst die emotionalen Anforderungen sind geringer. So zumindest eine in der ZEIT Nr. 5 /2007 veröffentlichte Studie von M. Nübling / FFAS 2006.

Vielleicht sind erfundene Menschen oder selbstgemalte Bilder einfach weniger stressig als echte Menschen oder als die Realität.

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Kein Leser weint am Ende eines dünnen Buches.

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Flaschenputzer (Callistemon) und auch Hakea teretifolia, beides australische Pflanzen, werden in der Blütentherapie als Mittel gegen Voreingenommenheit empfohlen. Dass Voreingenommenheit heilbar ist, dürfte eine der besten Nachrichten des Jahres sein. Warum erfahre ich erst jetzt davon? Sie haben Recht, ich mache mich lustig darüber - vermutlich bin ich voreingenommen, weil ich denke, dieses Heilsversprechen sei Humbug. Vielleicht sollte ich mal Hakea teretifolia probieren?

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Durch seine zweifelhaften Recherche-Methoden hat der Autor Ewald R. aus P. dem Berufsstand des Schriftstellers schwerste Image-Schäden zugefügt.

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»In Deutschland gilt jemand, der eloquent und witzig ist, als Dummschwätzer. Auch diesen Unterschied zwischen U- und E-Kultur gibt es in keinem anderen Land. Ein großer Geist hat doch beides!«

(Pascale Hugues in der ZEIT vom 27. Dezember 2007)

Dazu sage ich nur: Mehr Ü wagen!

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»[Sprache hat auch eine] negative Macht. Sie ist dort wirksam, wo die Wörter das Verstehen verstellen und verhindern, statt es zu fördern. So geschieht es, wenn Wörter zu leeren Worthülsen werden und Sätze zu Parolen gerinnen. Sie sind dann nicht mehr eingebunden in den logischen Raum von Begründung, Kritik und Revision, sondern haben die unerbittliche Dumpfheit und Lautstärke von Fäusten, die auf den Tisch schlagen.«

(Peter Bieri, Brücke zum fremden Geist, Zeit Magazin Leben, Nr. 52 / 2007)

Den ganzen Artikel lesen

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Sprache kann Spaß machen, wenn Sie so herrlich benutzt wird wie hier, selbst oder gerade, wenn der Humor ein unfreiwilliger ist. Obwohl sie in diesem Fall doch wohl eher wehtun sollte:

von Piesak und Funny

Funnys Eltern hatten sich bei der Taufe bestimmt eine lustigere Karriere für ihre Tochter vorgestellt.

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Literatur sagt einem, dass man nicht einzigartig ist; sie rückt die Proportionen zurecht. Nach einem guten Roman fühlt man sich etwas kleiner, aber auch weniger einsam.

Bodo Kirchhoff in Literaturen 1|2 / 2008

Zusatz für Autoren: Nach einem schlechten Roman fühlt man sich größer und sehr überlegen. Wunderbar. Schade, dass man als Autor nur noch selten einen schlechten Roman zu Ende liest.

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Drei schöne Gedanken zur Sprache:

»Sprache ist der Leib des Denkens der Nationen.« Otto F. Best

»Sprachen sind die Stammbäume der Nationen.« Samuel Johnson

»An den Wörtern, die sich nicht übersetzen lassen, erkennt man, wes' Geistes Kind eine Sprache ist.« Otto F. Best

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Als Schriftsteller finde ich es besonders bedauerlich, dass man nicht auch sein Leben überarbeiten kann.

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Das neue Jahr wollen wir mal mit etwas Selbstkritik beginnen. Es muss ja nicht immer die Kritik an unserem eigenen Selbst sein ...

»Ein Schriftsteller ist oftmals jemand, dessen Intelligenz nicht groß genug ist, um mit dem Schreiben aufzuhören.«

Günter Grass

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