stephan waldscheidt, schriftsteller

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Die weiße Stille zwischen den Wörtern
Absätze, Leerzeilen und weiße Stellen als machtvolles und subtiles Mittel der Textgestaltung




Schreibtipps

Absätze




»Für mich ist der Absatz, nicht der Satz, die grundlegende Einheit beim Schreiben - der Ort, wo Zusammenhänge beginnen und Wörter die Chance bekommen, mehr zu werden als bloß Wörter.« (Stephen King)

Nehmen Sie irgendeinen Roman in die Hand und blättern Sie ihn durch, schnell aber komplett, fangen Sie nicht an zu lesen.

Wie oft haben Sie schon im Buchladen gestanden, einen Roman in der Hand, und haben ihn so durchgeblättert, vielleicht nachdem sie den Anfang gelesen haben aber noch unschlüssig, ob Sie ihn kaufen sollen?

Während des Blätterns bekommen Sie ein Gefühl für den Text, ohne sich dessen bewusst zu sein. Stellen Sie sich das Buch als ein Haus vor, in dem Sie als Leser vorübergehend wohnen. Stellen Sie sich dann die Zeilen als Gitterstäbe vor. In welchem Haus würden Sie sich wohler fühlen? In einem, das Ihnen den Blick verstellt und das Atem schwer macht? Oder in einem anderen, wo sie mehr von der Welt sehen können, wo sie leichter atmen?

Moment. Das Bild ist noch nicht zu Ende gemalt. Dummerweise geben ausgerechnet die Gitterstäbe den Fenstern ihren Halt. Nimm zu viele von ihnen weg, und das ganze Haus stürzt zusammen.

Ergebnis? Der gute, alte Mittelweg, ebenso langweilig wie bewährt.

Scheuen Sie sich nicht, ein Buch auch danach zu beurteilen, wie sympathisch Ihnen sein Layout ist. Und dann nehmen Sie wieder Ihre Position als Autor ein.

In der Lyrik sind uns Absätze (die Verse) und Leerzeilen als Stilmittel selbstverständlich. Dass sie auch in der Prosa einen Text prägen können, wird zu häufig vergessen. Absätze macht man eben, irgendwie, intuitiv - das hat schon etwas von einer ebenso ungeliebten wie unerklärlichen Grammatikregel. Bereits 1943 schrieb Stillehrer Ludwig Reiners: 'Ein ständiges Augenhilfsmittel ist der Absatz. Schreiber, welche seitenlang ohne Absatz weiterplaudern, verdienen nicht gelesen zu werden. Jeder Gedankengang hat von Zeit zu Zeit einen Einschnitt. Der Leser muss ihn erfahren.'

Sie werden sehen: Absätze sind weit mehr als ein 'Augenhilfsmittel'.

(...)

Wandern Sie gerne? Dann stellen Sie sich Absätze jetzt als Berge vor, die der Leser auf dem Weg durch den Text überwinden muss - je länger der Absatz, desto höher der Berg. Blättert der Leser um und sieht zwei Seiten vor sich mit vielleicht nur einem, gewaltigen Berg, wird er es sich womöglich überlegen, ob er weiterliest oder ob er das Buch zur Seite legt; diesen Berg traut er sich heute einfach nicht mehr zu. Natürlich kann es sich lohnen, einen hohen Berg zu erklimmen, aber es gibt viele, die vor der Mühe zurückschrecken. Die meisten Wanderer schätzen weder Flachland noch Hochalpines, am liebsten laufen sie durch die guten, alten Mittelgebirge.

Was können Sie als Autor mit Absätzen bewirken?

1. Mit Absätzen nach Sinneinheiten gliedern

Zunächst gliedern Absätze einen Text in Sinneinheiten oder Themen: Ist eine Einheit sinngemäß abgeschlossen, folgt nach einer Absatzmarke die nächste.

Grete legte das Messer auf die Anrichte zurück. Es hatte seine Arbeit getan, und es hatte sie gut getan. Sie wischte sich die schweißigen Haare aus der Stirn.¶
Vor ihr auf dem Boden lag Hans. Er rührte sich nicht. Blut war nirgendwo zu sehen.


Eine sinngemäße Gliederung kann auch die nach der Perspektive sein - sowohl nach der Erzählperspektive (mehr dazu unten) als auch nach der Perspektive, die der Leser einnimmt, vergleichbar der Kamera-Perspektive im Film. Im obigen Beispiel entspricht jeder Absatz einer anderen (Kamera-)Einstellung: Der erste Absatz zeigt Grete, der zweite zeigt Hans und den Fußboden.

Auch die Aktionen einer Person werden häufig zu Sinneinheiten und damit in einem Absatz zusammengefasst. Wird das Handeln einer anderen Person beschrieben, geschieht dies in einem neuen Absatz.

Diese Empfehlung zu missachten, kann ratsam sein, etwa wenn eine Situation stärker als Einheit betrachtet werden soll, wenn man ein höheres Tempo erzielen möchte oder aus rhythmischen Gründen.

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Weitere Themen:

2. Mit Absätzen optisch gliedern
3. Mit Absätzen gewichten
4. Mit Absätzen das Tempo steuern
5. Mit Absätzen den Rhythmus steuern
6. Mit Absätzen Dialoge vom übrigen Text abgrenzen
7. Mit Absätzen die Gewichtung in Dialogen steuern
8. Mit Absätzen eine Rückblende einleiten und verlassen
9. Weitere Abgrenzungen mittels Absätzen

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(c) Stephan Waldscheidt 1997-2012

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